Wir schreiben das Jahr 1968. Im Fernsehen läuft gerade meine Lieblingsserie „Mit Schirm, Charme und Melone“, aber ich muss mich losreißen. Denn endlich habe ich meine Frau soweit, dass ich nicht nur laut über einen Zweitwagen nachdenken kann, sondern dass sie sogar ganz wild darauf ist, ihn einmal selbst zu lenken. Tja, das war natürlich ganz geschickt von mir eingefädelt. Man(n) muss nur das richtige Modell finden, um Frau zu überzeugen. Und was eignet sich besser dazu, als der gerade frisch herausgekommene Mercedes 280 SL?
Endlich haben die von Mercedes ihm eine etwas größere Maschine spendiert. Wurde ja auch Zeit. Die 230er und 250er waren ja ganz nett, aber 170 PS und 240 Newtonmeter klingen doch wie Musik in meinen Ohren. O.K. – unsere Familienkutsche, der Opel Diplomat, hat stolze 230 PS, aber er ist halt eine Familienkutsche und von sportlichem Fahrverhalten so weit entfernt wie der Eifelturm von Mühlheim an der Ruhr.

Also auf zum Mercedeshändler. Ich konnte es kaum glauben, als er mir mit stolzgeschwellter Brust erzählte, dass er gerade 9 funkelnagelneue 280 SL im Schauraum stehen habe und wir uns nur unser Wunschmodell aussuchen müssten. Bereits am nächsten Tag hätte er ihn dann auf meine Gattin zugelassen. Das wusste sie zwar bis dahin noch nicht, aber einen Trumpf musste Mann ja schließlich noch in der Hinterhand haben. Die Deckungskarte hatte ich übrigens heimlich auch schon besorgt und mein Scheckbuch dabei.

So oder so ähnlich darf der imaginäre Kaufinteressent sich fühlen, wenn er im Jahr 2016 auf den Hof der Firma Brabus in Bottrop fährt und ins Werk 4, der Halle mit den Klassikern, geht. Klar, wer den Namen Brabus hört, denkt in erster Linie an individuell hochgezüchtete Mercedes Modelle mit bis zu 900 PS und edlem Innenausbau, der auch vor Yachten und Privatjets nicht halt macht. Die Wenigsten jedoch wissen, dass Brabus sich schon seit 1977 mit der Restaurierung von Oldtimern beschäftigt.

Die Arbeitsplätze des Classic Teams

Die Arbeitsplätze des Classic Teams

2009 wurde dieser Geschäftszweig nochmal auf ein neues Level gehoben und das „Brabus Classic Team“ gegründet. In der weitläufigen Halle, in der gleichzeitig die angebotenen Oldtimer zum Verkauf stehen, arbeiten 10 Mitarbeiter. Die natürlich durch die anderen Abteilungen des Hauses wie die Sattlerei und den Motorenbau unterstützt werden.

Also rein in die heiligen Hallen und in den bequemen Ledersesseln Platz genommen. Hier stehen 9 funkelnagelneue Pagoden und warten auf die Käufer – und meine Frau. Flankiert von etlichen anderen Preziosen aus jener Zeit wie Mercedes 600, 300 SL Roadster neben Flügeltürern oder einigen 280 SE Cabrios.

Wer die Wahl hat hat die Qual

Wer die Wahl hat hat die Qual

Aber ich bin mit meiner Frau ja wegen der Pagoden hier, die sich allesamt im Neuzustand präsentieren. Und wenn ich von Neuzustand spreche, dann meine ich das auch so. Alle diese Wagen stehen so vor mir, wie sie das Mercedes Werk ab dem Jahr 1968 verlassen haben. Mit einer einzigen – in meinen Augen nachvollziehbaren – Ausnahme: der Rostvorsorge. Während der „braune Tod“ damals schon nach wenigen Jahren an Schwellern und anderen Teilen so mancher Mercedes-Karosserie genagt hatte, wird bei Brabus heute – unter absoluter Beibehaltung des originalen Erscheinungsbildes – die Rostvorsorge bis ins Detail perfektioniert.
Bei den Oldtimer-Restaurateuren und Liebhabern finden wir aktuell bekanntlich unterschiedliche Einstellungen – angefangen bei der absoluten Beibehaltung des Zustands, in dem sich der Wagen nach Jahrzehnten befindet. Egal, welche Auswüchse der „Vintage-Look“ mittlerweile zeigt. Daneben die behutsame Restaurierung, die hauptsächlich die Fahrsicherheit im Blick hat. Dann diejenigen, die das Auto makellos restaurieren. Und schließlich diejenigen, die dem Wagen technische Optimierungen angedeihen lassen wie z.B. Scheibenbremsen, verbesserte Fahrwerke, Navigationssysteme in einem alten Becker-Radio, usw… Und es gibt das Unternehmen Brabus, das eine ganz eigene Philosophie vertritt.

Auch innen Perfektion in allen Details

Auch innen Perfektion in allen Details

Was geschieht also mit einem Wagen? Zunächst einmal kauft Brabus in aller Welt „Pagoden“ mit einem 280er Motor auf. Sie müssen sich in einem ordentlichen, unfallfreien, vor allem aber vollständigen Zustand befinden und sogenannte „Matching Numbers“ haben. Dann wird in enger Zusammenarbeit mit dem Werk anhand der Fahrgestellnummer der ursprüngliche Auslieferungszustand rekonstruiert, einschließlich des originalen Lacks und der damals ausgelieferten Extras.

Auch im Kofferraum perfekter Originalzustand

Auch im Kofferraum perfekter Originalzustand

Anschließend wird der Wagen komplett zerlegt – bis auf die letzte Schraube oder Niete – und innerhalb der folgenden ca. 14 Monate oder etwa 1.700 Arbeitsstunden komplett neu aufgebaut. Und dabei – wo immer dies machbar ist – die vorhandenen Originalteile wieder aufbereitet. Sollte das nicht mehr gelingen, werden Original-Ersatzteile im Werk oder auf dem Markt beschafft.

Motorenbau anno 2016

Motorenbau anno 2016

Die Karosserie wird chemisch entlackt, von den Spenglermeistern überarbeitet und mit einer katalytischen Tauchgrundierung versehen. Natürlich wird bei der Neulackierung die Originalfarbe der Auslieferung verwendet – egal, welchen Farbton der Wagen mittlerweile angenommen hat! Parallel zu den Karosseriearbeiten wird der Motor im BRABUS Motorenbau komplett zerlegt und vermessen. Zum Neuaufbau gehören das Schleifen und Honen des Zylinders genauso wie die Überholung des Zylinderkopfes.

Der Motor ist fertig zum Einbau

Der Motor ist fertig zum Einbau

Im Ergebnis übertrifft die erzielte Laufruhe des Triebwerks bei Weitem die des ausgelieferten Motors. Kein Wunder bei dem hier vorhandenen Maschinenpark! Ebenso werden Kraftübertragung mit Getriebe, Kardanwelle und Differenzial perfekt wiederhergestellt. Bei Fahrwerk und Bremsen geht das Team keine Kompromisse ein. Im Hinblick auf einen höchstmöglichen Sicherheitsstandard werden hierbei alle Teile gegen Original-Neuteile ausgetauscht.

Traditionelle Lederverarbeitung

Traditionelle Lederverarbeitung

In der hauseigenen Polsterei und Sattlerei entstehen alle Elemente der Innenausstattung neu. Natürlich werden die Original-Mercedesteppiche, Stoffe und Leder aus der Entstehungszeit verwendet. Das ursprüngliche Leder fühlt sich fast wie lackiert an – vor allem, wenn man es mit dem Brabus Kuschel-Leder vergleicht, das für die neuen Modelle verwendet wird.

Die Brabus-Kuschelleder-Kollektion

Die Brabus-Kuschelleder-Kollektion

Aber damals war das Mercedes-Leder halt so und Originalität geht eben vor. Gleiches gilt natürlich für die neuen Verdecke aus dem Originalstoff, die edlen Hölzer sowie den Chromschmuck.

Die alten Holzteile werden wieder aufbereitet

Die alten Holzteile werden wieder aufbereitet

Das Endergebnis ist der perfekte, originale Auslieferungszustand ab Werk – bis auf die bestmögliche Rostvorsorge. Alle Arbeiten werden photographisch dokumentiert und der neue Besitzer bekommt einen wunderschönen Hardcover-Bildband mit der Entstehungsgeschichte seines Autos.

Jeder Schritt wird dokumentiert

Jeder Schritt wird dokumentiert

Das einzige Problem für BRABUS besteht darin, dass die übliche Oldtimer-Bewertungsskala als beste Zustandsbewertung eine 1 vorsieht, die die Brabus-Pagoden alle deutlich übertreffen. Doch auch hier wurde eine Lösung gefunden. Der zuständige Classic Data Bewertungs-Partner dokumentiert alle ausgeführten Arbeiten in einem mehr als 20-seitigen Gutachten und bestätigt auch den tatsächlichen Wert des Fahrzeugs. Der Kilometerstand wird mit nahe 0 angegeben. Schließlich handelt es sich um einen Neuwagen. Und ein Neuwagen bekommt natürlich auch eine Neuwagengarantie. Und die liegt in Deutschland aktuell bei 2 Jahren ohne Kilometerbegrenzung. Selbstverständlich auch bei unserer Pagode. Bleiben bei meiner Frau und mir nur die essenziellen Fragen: Welche der sieben Aussenfarben wählen wir? Wollen wir einen Wagen mit Schaltgetriebe oder der Mercedes-Automatik? Welche Verdeckfarbe passt am besten zum Lack? Soll das Wurzelholz hell oder dunkel sein? Alles Fragen, die sich unser fiktives Ehepaar im Jahre 1968 auch gestellt hätte. Nur gab es damals tatsächlich kaum einen Händler, der derart viele 280 SL Neuwagen auf dem Hof stehen hatte.

Ich hoffe, meine Frau sucht sich den Dunkelblauen aus – mit passend blauem Verdeck, Leder und Teppich. Das Wurzelholz ist ebenfalls dunkel und passt sehr gut zum gesamten Erscheinungsbild. Nur der aufgerufene Preis liegt geringfügig über dem von 1968. Damals kostete er mit ein paar Extras gute 25.000 DM. Heute liegt er bei ca. 270.000 €. Wertsteigerung darüber hinaus fast garantiert. Wie gut, dass meine Frau ihn auch als Geschäftswagen nutzen wird… Der Fiskus setzt bei der Versteuerung der Privatnutzung ja ohnehin nur den damaligen Neupreis an: also 12.500 €…