Design-Ikone Borgward Isabella Coupé

Design-Ikone Borgward Isabella Coupé

Wo ist Phönix? – Die Wiedergeburt von Borgward. Eigentlich sollte der Artikel – klassisch angehaucht – Phönix aus der Asche heißen. Angefixt durch einen kurzen Artikel im Hamburger Abendblatt, wurde ich auf das Thema aufmerksam. Borgwards Rückkehr in die Autoszene. Borgward als neuer Premium-Anbieter. Was für eine Ankündigung! Aber trotz aller Bemühungen habe ich „Phönix“ auf dem Automobilsalon in Genf nirgends entdecken können.

Borgward – da werden zunächst einmal Erinnerungen an meine Jugend wach. Ja, ich kenne sie noch aus dem Straßenbild der 60er Jahre: die Borgward Hansa, Isabella, P 100, die wunderschönen Limousinen, Coupés, Cabriolets… weniger die Nutzfahrzeuge, die in meiner Kindheit und Jugend nicht so im Fokus standen. Vor einiger Zeit fiel mir dann im Automuseum Prototyp in Hamburg ein wunderbar erhaltenes 1954er Hansa Coupé auf – für mich eines der schönsten Autos der vielfältigen Ausstellung.

Das elegante Borgward Hansa 1500 Sportcoupé von 1954

Das elegante Borgward Hansa 1500 Sportcoupé von 1954

Und beim letztjährigen Concours d‘ Élégance auf Schloss Bensberg stand ein Borgward RS 1500 Rennwagen direkt neben dem Maserati 450S eines Schweizer Sammlers. Zeugnis einer bedeutenden – wenn auch kurzen – Rennsport-Vergangenheit.

The return of Borgward

The return of Borgward

Mit großen Erwartungen und kindlicher Neugier fuhr ich nach Genf zur Pressekonferenz. Auf dem Stand folgte die erste Enttäuschung: keine mit einem roten Tuch abgedeckte Wagen-Silhouette, die der Enthüllung harrte. Nicht einmal wandfüllende Bilder der künftigen Modellpalette. Stattdessen ein großer Rhombus – das neue Logo – im Zentrum. Es erinnert nach behutsamer Modernisierung stark an das traditionelle Emblem, wirkt aber durchaus gefällig.

Das Borgward-Logo im Mittelpunkt

Das Borgward-Logo im Mittelpunkt

Dann doch wenigstens die Erläuterung der visionären Pläne durch die anwesende Borgward-Führungsriege? Es folgte die nächste Enttäuschung: Weder Lena Siep, die für die weltweite Unternehmenskommunikation verantwortlich ist, noch der Enkel des Firmengründers und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Borgward AG Christian Borgward oder Karlheinz Knöss, sein Stellvertreter im Aufsichtsrat, ließen Wesentliches verlautbaren.

Die anwesende Borgward-Führungsriege

Man beschwor den Geist von Borgward, wies auf die Vergangenheit als einer der größten und innovativsten Autobauer Deutschlands hin und betonte, dass man in naher Zukunft zu den Großen im Premiumsegment gehören werde – und das weltweit.

Kein Fahrzeugmodell, keine Fotos oder Computervisualisierungen, keine Angaben zu geplanten Baureihen, zu Fertigungsstandorten, zur Vertriebsstrategie oder einem zeitgemäßen Servicenetz. Stattdessen eine weitere Ankündigung: Als deutscher Hersteller wollte man das erste Fahrzeug natürlich auf der IAA in Frankfurt präsentieren. Ansonsten? Ach ja, das Headquarter sei in Stuttgart und zu gegebener Zeit werde man die Presse dorthin einladen. Wir sind gespannt…

Christian Borgward nach dem Interview

Christian Borgward nach dem Interview

Trotzdem – meinem Interviewwunsch wurde stattgegeben und drei Stunden nach der offiziellen Pressekonferenz stand mir Christian Borgward tatsächlich für ein 4-Augen-Gespräch zur Verfügung. Aber egal was ich anstellte, konkrete Informationen gab es auch diesmal nicht. Immerhin erfuhr ich, dass der erste neue Borgward ein SUV sein wird, da man sich von ihm kurzfristig die größten Verkaufserfolge verspricht. Verkaufsbeginn nach der diesjährigen IAA, Auslieferung an den Kunden soll im ersten Quartal 2016 erfolgen und pro Jahr sollen zwei neue Modelle auf den Markt kommen. Ein ambitioniertes Vorhaben…

Bleibt uns jetzt eigentlich nur noch ein kleiner Rückblick auf die Marke. Wie alles begann!

Angefangen hat alles im Jahre 1924, als die Bremer Kühlerfabrik Borgward & Co. den „Blitzkarren“, einen dreirädrigen Kleinlieferwagen, baute. Inhaber der Fabrik: Carl Friedrich Wilhelm Borgward. 1925 trat als Teilhaber der Kaufmann Wilhelm Tecklenborg ins Unternehmen ein und der Betrieb hieß fortan Fahrzeugwerke Borgward & Co. GmbH. Borgward kümmerte sich um die Technik, Tecklenborg um die Finanzen und den Absatz der Produkte. Eine anfangs sehr erfolgreiche Allianz. 1929 wurde die Mehrheit an den Hansa-Lloyd Werken übernommen und diese 1931 mit der Borgward GmbH verschmolzen. 1936 wurden weitere Kapitalgeber aufgenommen und das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt – die Hansa-Lloyd-Goliath Werke AG. Nur ein Jahr später wurde diese AG jedoch wieder aufgelöst, denn die Teilhaber mochten sich mit der Expansionsstrategie nicht anfreunden. Borgward wurde alleiniger Eigentümer.

Die Zeit des 2. Weltkriegs blenden wir hier einmal aus. Natürlich wurden Militärfahrzeuge und Panzer hergestellt, KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit verpflichtet. Carl Borgward kam nach dem Krieg aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP in amerikanische Gefangenschaft. Das ist insofern von Bedeutung, als er sich von den Wärtern amerikanische Automobilzeitschriften auslieh und bereits in der Zelle eine neue Borgward-Produktpalette entwickelte. Aus den damaligen Entwürfen entstand dann auch der spätere Borgward Hansa 1500 mit einer strömungsgünstigen Ponton-Karosserie, während Mercedes nach dem Krieg wieder mit Vorkriegsmodellen auf den Markt kam. Ab 1948 konnte er erneut die Leitung des Unternehmens übernehmen. In der Folge entwickelte er das Unternehmen zu einem „Vollsortimenter“. Im Kleinwagensegment war es der Kleinwagen Lloyd LP 300, liebevoll auch „Leukoplastbomber“ genannt, der dem Mobilitätsbedürfnis im Nachkriegsdeutschland Rechnung trug. Das Mittelklasse-Modell Hansa bekam einen Dieselmotor. Die Autos wurden größer, luxuriöser, schöner.

Borgward Hansa (Foto Borgward AG)

Borgward Hansa (Foto Borgward AG)

So entstanden Design-Ikonen wie das Borgward Isabella Coupé und Cabriolet oder der P 100, Borgwards Beitrag für die Oberklasse und der erste deutsche Wagen mit Luftfederung. Die Automobile wurden in viele Länder – einschließlich den USA – exportiert.

Borgward in den USA (Foto Borgward AG)

Borgward in den USA (Foto Borgward AG)

Das Werk baute daneben auch Busse und LKW – sowie sogar einen Hubschrauber. Das Unternehmen wuchs auf 23.000 Mitarbeiter – damit gehörte Borgward zu den größten deutschen Automobilherstellern mit einem Absatz von mehr als 1 Millionen Autos.

Deutsche Rennwagengeschichte - der Borgward Hansa RS 1500

Deutsche Rennwagengeschichte – der Borgward Hansa RS 1500

Auch im Motorsport war Borgward durchaus erfolgreich. Der schon angesprochene Rennsportwagen „Borgward RS 1500“ belegte beim 1.000- Kilometerrennen auf dem Nürburgring 1953 unter 50 Teilnehmern immerhin Platz 3 im Gesamtklassement hinter einem Ferrari 375 MM Vignale, einem Jaguar C-Type und vor allen Porsche, Maserati, OSCA oder Veritas.

Trotz der Größe des Unternehmens hielt Carl Borgward stets alle Fäden in der Hand. Er war extrem innovativ, hatte tolle Ideen, ein gutes Gespür für Design, dabei aber auf der anderen Seite bisweilen der Produktqualität nicht immer die nötige Aufmerksamkeit geschenkt – und er war nicht der beste Kaufmann. So wurden schon mal Modelle falsch kalkuliert, nicht vorhandenes Geld im Motorsport versenkt oder die Typenvielfalt nicht immer an den Marktanforderungen ausgerichtet. Hinzu kam ein Rückgang des Exports und trotz der sogenannten Wirtschaftswunderjahre stand Ende 1960 die Zahlungsunfähigkeit. Für einen der größten deutschen Automobilproduzenten eigentlich undenkbar. 1961 folgte eine Insolvenz, die in den Augen vieler Beteiligter nicht erforderlich gewesen wäre. Aber wenn der vom Bremer Senat eingesetzte Insolvenzverwalter vor Übernahme des Mandats bei Borgward im Aufsichtsrat eines der größten deutschen Wettbewerbers (BMW) saß, war vielleicht auch nichts anderes zu erwarten…

Borgward Hansa unter dem Eifelturm (Foto Borgward AG)

Borgward Hansa unter dem Eifelturm (Foto Borgward AG)

Was nachklang, waren viele Borgward in Straßenbild der 60er und auch 70er Jahre sowie ein Markenname, der noch immer präsent ist. Bleibt abschließend lediglich die Frage: Wo ist Phönix? Wann steigt er aus der Asche? Und wie kann er sich auf dem automobilen Weltmarkt gegen die Platzhirsche – vornehmlich aus deutscher Produktion – behaupten?