Der 911er im Turbolook

Der 911er im Turbolook

Manchmal sehen wir Autos, die es eigentlich gar nicht gibt… Was natürlich sehr schade sein kann, falls es sich dabei um einen besonderen Traumwagen handeln sollte. Eigentlich dürfte es nämlich unser gelbes Schätzchen gar nicht geben, aber es existiert doch! So gesehen bei The Gallery in Brummen…

Der typische Innenraum - die Sitzwangen aus Kunstleder

Der typische Innenraum – die Sitzwangen aus Kunstleder

Unter den 911ern ist das „G-Modell“ im Grunde so etwas wie das „Aschenputtel“. Verunziert durch die sogenannten „Faltenbalgenstoßstangen“ (was für ein Ungetüm von Wort), die Porsche durch die NHTSA, die amerikanische „National Highway Traffic Safety Administration“, aufs Auge gedrückt wurden. Der luftgekühlte 3-Liter Boxer Motor verlor darüber hinaus zwar auch noch etwas an Leistung, um die strenger werdenden US-Abgasbestimmungen einhalten zu können, aber Porsche war auf diesen Exportmarkt angewiesen.

Die uns wohlvertrauten Instrumente

Die uns wohlvertrauten Instrumente

Wer es sich leisten konnte, wich damals auf den „Über-Porsche“ – den 911 Turbo – aus, der 1977 einen auf 3,3 Liter Hubraum vergrößerten Motor bekam, der wiederum stolze 300 Pferdestärken leistete. Ein Traum, von dem die meisten Porsche Liebhaber allerdings nur weiterträumen durften, denn für den Preis eines Turbos konnte man sich 1977 locker zwei 911 SC Coupé kaufen. Und wer sich zu der Zeit gar den 911 Turbo als Targa anschaffen wollte, musste sich ohnehin noch 10 Jahre gedulden, denn der wurde erst 1987 gebaut.

Geschmiedete Fuchs-Felgen

Geschmiedete Fuchs-Felgen

Wenn also ein durchaus gut situierter Porsche Fahrer, für den der Turbo nicht durch den familiären „Aufsichtsrat“ freigegeben wird, träumen würde, hätte er bestimmt auf Wolke 7 einen 911 Carrera 3,0 Targa im Turbo-Look vor seinem inneren Auge… Das Aussehen dieses Turbo mit dem geschmeidigen Bug- und dem wahnsinnigen Heckspoiler im Kneipentresen-Format, den dicken Kotflügelverbreiterungen, den geschmiedeten „Fuchs“-Felgen mit 225er Bereifung hinten – und das noch halbwegs bezahlbar! Das wäre es doch… Aber auch darauf sollte der echte Fan noch bis 1984 warten – als Porsche den Turbo-Look für die „normalen“ 911er ins Programm integrierte. Oder man wandte sich an den Schrauber bzw. Tuner seines Vertrauens und gab einen solchen spektakulären Umbau in Auftrag.

Das Heck mit dem Monsterflügel

Das Heck mit dem Monsterflügel

Oder aber, man verfügte über hervorragende Verbindungen nach Zuffenhausen – wie die Firma Porsche Glöckler in Frankfurt. Walter Glöckler hatte als erfolgreicher Rennfahrer und sehr guter Freund von Huschke von Hanstein, dem späteren Rennleiter von Porsche, sicher diese Beziehungen. Wie dem auch sei – irgendwie überzeugte Walter Glöckler Porsche von der Idee eines Porsche 911 Carrera 3,0 im Turbo-Look, der neben einigen ohnehin lieferbaren Sonderausstattungen wie Bilstein- statt Boge-Dämpfern oder dem damals noch nicht serienmäßigen 5-Gang-Getriebe auch unter eigens kreierter Bestellnummer 451 zusätzlich mit folgenden Schmankerln ausgestattet wurde:

– Turbo-Kotflügelverbreiterung links und rechts
– Turbo-Fondseitenteile links und rechts
– Bug- und Heckspoiler (GFK) aus glasfaserverstärktem Kunststoff
– Distanzscheiben sowie längere Radbolzen für Räder in 7“ vorne und 8“ hinten
– Geschmiedete Leichtmetallräder, an der Vorderachse 7J x 16 mit Reifen 205/55 VR 16 und hinten 8J x 16 mit Reifen 225/50 VR 16

Zertifikat von Porsche

Zertifikat von Porsche

Damit entstand der erste seiner Art und ein Prototyp für Porsche. Seine Bestellnummer 451 wurde bei Porsche anschließend wieder eingemottet und erst 1984 in die Preislisten übernommen. Bis dahin war das Exemplar, das wir in Holland unter den Hintern bekamen, einzigartig. Und das bleibt er – als „Urmodell“ und erster seiner Art – auf ewig…

Natürlich wollten wir wissen, wie dieser außergewöhnliche Porsche sich anfühlt und fortbewegt… Also nahmen wir den kleinen Umweg über Brummen gern in Kauf, als wir – von England kommend – nach Hamburg fuhren.

Skulptur auf dem Kreisel in Brummen

Skulptur auf dem Kreisel in Brummen

Die Oldtimer-Skulptur mitten auf dem typisch niederländischen Kreisverkehr an der Einfahrt der Arnhemsestraat ist nicht zu übersehen – und der „Oldtimer-Palast“ von „The Gallery“ erst recht nicht.

The Gallery

The Gallery

Da wir unser Erscheinen bei Nico Aaldering, dem Seniorchef, angekündigt hatten, stand nicht nur ein leckeres Frühstück für uns bereit, auf das wir auf der Fähre verzichtet hatten, sondern auch der knallgelbe 911er – mit grünen Nummernschildern geschmückt. Und so konnte endlich unser persönlicher Traum Gestalt annehmen – unsere Testfahrt im Porsche 911 – Prototyp!

Die Proportionen klassisch und wunderschön

Die Proportionen klassisch und wunderschön

Ja – wie fährt er sich denn nun? Kurz zusammengefasst: selbstverständlich und völlig unspektakulär! Der Kupplungsweg ist recht lang, doch der Druckpunkt problemlos zu finden. Die Schaltung ist immer noch sehr präzise und einigermaßen leichtgängig. Der Motor säuselt bei moderaten Drehzahlen leise vor sich hin; für den richtigen Punsch braucht es aber schon mehr als 4.000 Touren.

Ab 4000 Touren kommt er gut

Ab 4000 Touren kommt er gut

Die Bremsen packen gut zu und der Geradeauslauf ist verlässlich. Auf Experimente wie z.B. Heckschwenks, die man in den alten 911ern ganz gut hinbekommt, mussten wir auf den schmalen Landstraßen rund um Brummen naturgemäß verzichten. Ebenso auf das Ausreizen der Höchstgeschwindigkeit von 240 Stundenkilometern – schließlich befanden wir uns in den zivilisierten Niederlanden! Aber um Spaß zu haben und echtes 911er-Feeling zu spüren, reichte unsere kleine Probetour allemal.

Die Zeit verging auch am Steuer „unseres“ kanariengelben Unikates mit den markanten schwarzen Rallyestreifen sowie sexy Hinterbacken wie immer viel zu schnell, aber wir waren ja schließlich nach langer Abwesenheit endlich auf dem Heimweg. Und als wir den Boliden schweren Herzens wieder abgeliefert hatten, lachte nach vorher leicht feuchten 60 Minuten für uns die Sonne. Jetzt artgerecht ohne das Targa-Dach fahren… Dann hätte das sonore Röhren des Motors in unseren Ohren sicher ganz anders geklungen.

Kleine Straßen und viel Fahrspaß

Kleine Straßen und viel Fahrspaß

Wer übrigens gerade auf der Suche nach einem wirklich besonderen Porsche ist, der sollte mal im Internet nachschauen: http://www.thegallerybrummen.nl/. Vielleicht steht der kleine Gelbschwarze ja noch in Brummen, ganz nah an der deutschen Grenze…