FERRARI 250 GT BOANO -  Acrylbild von Bernd Lehmann

FERRARI 250 GT BOANO – Acrylbild von Bernd Lehmann

Im Kalender eines Auto-Journalisten gibt es Termine, die sind so was von rot angestrichen – diesmal sogar in „Ferrari-Rot“ – und gekoppelt mit einer Vorfreude wie auf die wichtigsten Momente im Leben: das erste eigene Auto, den allerersten Kuss, das Ja-Wort der Angebeteten… Jetzt übertreibt er aber, werden Sie sagen. Fast gar nicht, lautet meine Antwort.

Phantastische Proportionen

Phantastische Proportionen

Als ich Helmut Eberlein auf dem diesjährigen Genfer Automobilsalon begegnete, fragte ich ihn einfach, ob er nicht unter all seinen klassischen Ferrari ein ganz besonderes Exemplar hätte, über das wir in unserem Blog berichten könnten. Und – welch Glückes Geschick – genau so ein Fahrzeug hatte er gerade erworben, sodass unser Artikel „Probefahrt im Ferrari 250 GT Boano“ Gestalt annehmen konnte.

Übersichtliche Instrumente - der Zündschlüssel steckt in der Wagenmitte

Übersichtliche Instrumente – der Zündschlüssel steckt in der Wagenmitte

Der Ferrari 250 GT Boano mit Fahrgestellnummer 0569 ist nicht etwa irgendein Ferrari – was allein schon das beste Argument wäre, um nach Kassel zu fahren, sondern er ist eines von nur 12 Exemplaren dieser Baureihe mit einer Aluminium-Karosserie!

Sportlich-komfortable Schalensitze - Gepäckablage dahinter

Sportlich-komfortable Schalensitze – Gepäckablage dahinter

Doch jetzt schön der Reihe nach: Enzo Ferraris Liebe galt dem Profi-Rennsport und dafür entwickelte er seine Autos. Hin und wieder musste er allerdings über seinen Schatten springen und Autos für den „Gentleman-Driver“ bauen und verkaufen, um seine eigenen leidenschaftlichen Racing-Aktivitäten zu finanzieren. Diese „Amateur-Ferrari“ entstanden fast alle auf Bestellung. Einer dieser „Gentleman“ also war Jan de Vroom, der seinen 250 GT Boano mit der Fahrgestellnummer 0569 am 7. November 1956 in Empfang nahm und umgehend auf die Bahamas verschiffte, um mit ihm und Startnummer 20 an den Bahamas Speed Weeks teilzunehmen, die einen Monat nach der Übergabe vom 6. bis 9. Dezember unter Schirmherrschaft des Royal Automobile Club of Great Britain stattfanden. Diese historische Startnummer 20 trägt er übrigens heute noch.

Gestreckte Linienführung mit flachem Coupédach

Gestreckte Linienführung mit flachem Coupédach

Zur technischen Ausstattung: Sein 250 GT basiert auf dem Chassis des Rennsportwagens Ferrari 250 MM (Mille Miglia), der 1952 und 1953 gefertigt wurde. Insgesamt wurden auf dieser Basis zwischen 1953 und 1963 fünfzehn verschiedene Versionen des 250 GT hergestellt.

Der Colombo 12-Zylinder perfekt restauriert

Der modifizierte Colombo 12-Zylinder perfekt restauriert

Motorisiert zunächst mit dem von Aurelio Lampredi konstruierten 3-Liter V12. Ab 1954 wurde eine von Gioacchino Colombo entwickelte, kurzhubige Maschine zum Antriebsaggregat der 250er GT, jedoch in Kombination mit den modernen Zylinderköpfen des Lampredi-Motors. Dieses Triebwerk leistet stolze 240 PS bei 7.000 U/min. Zehn Liter Öl im Kreislauf. Benzin-Verbrauch: zwischen 15 und 30 Litern für 100 Kilometer – je nach Fahrweise…

Der Name ist Programm - Granturismo

Der Name ist Programm – Granturismo

Die Karosserie entwarf natürlich Gian Battista Pinin Farina, der Haus- und Hofdesigner von Ferrari. Prinzipiell stellte er auch selbst die Karosserien in seinem Turiner Werk her. Zu dem Zeitpunkt allerdings, als „unser“ 250 GT entstehen sollte, baute Pinin Farina gerade eine neue Fertigungsstätte vor den Toren der Stadt. Also musste eine Karosseriefabrik gefunden werden, die über die erforderlichen Kapazitäten verfügte sowie in der Lage war, kurzfristig einzuspringen.
Mario Boano hatte früher als Karosseriebauer bei Pinin Farina gearbeitet und von 1944 bis 1953 die Carrozzeria Ghia geleitet, an der er auch finanziell beteiligt war. Gemeinsam mit seinem Sohn Gian Paolo gründete er anschließend ein eigenes Karosseriewerk, in dem dann 1956 der legendäre Ferrari mit der Fahrgestellnummer 0569 Wirklichkeit wurde. Im Zeitraum von 1955 bis 1957 entstanden dort insgesamt 63 „Boanos“, darunter die besagten 12 Exemplare mit Aluminium-Karosserie.

Die Rückleuchten - Skulpturen für sich

Die Rückleuchten – Skulpturen für sich

1957 wurde Boano von Fiat abgeworben und übernahm die Leitung des „Fiat Centro Stile“. Mit seinem Wechsel zu Fiat übernahm die Carrozzeria Ellena den Produktionsauftrag, ein 1954 von Boanos Schwiegersohn Ezio Ellena gegründetes Karosseriewerk. Ezio baute noch mal 40 Ferrari 250 GT „Ellena“, die sich vom Boano durch einen etwas höheren Dachaufbau unterschieden.

Borrani Speichenräder mit Zentralverschluss

Borrani Speichenräder mit Zentralverschluss

Die Boano offerierten sich – im Gegensatz zu den Rennsportmodellen – mit ihrer beinahe opulenten Ausstattung sowie großzügigen Platzverhältnissen im Innenraum als absolut reisetaugliche Granturismo. Gleichzeitig konkurrierten sie auf der Highspeed-Rennstrecke – wie bei den Bahamas Speed Weeks – mit den klassischen Rennsportboliden à la Ferrari 500 TR oder Maserati 300 S. Jan de Vroom nahm damals übrigens an zwei Rennen teil: am 7. Dezember an der Govenor’s Trophy über 20 Runden und am 9. Dezember am Nassau Trophy Consolation Race über 15 Runden. Auf dem Treppchen landete er dabei noch nicht, aber er musste sich schließlich auch erst an seinen neuen Wagen gewöhnen.

Die Scheinwerfer versprühen einen Hauch von Erotik

Die Scheinwerfer versprühen einen Hauch von Erotik

Natürlich präsentierte Helmut Eberlein den 250 GT Boano auf seinem Stand bei der Techno Classica 2015. Und das war in zweifacher Hinsicht erfolgreich: Zum einen fand er problemlos einen solventen Käufer für das mehr als 2 Millionen Euro teure Gefährt und zum anderen kürte die Jury seinen seltenen Renner beim FIVA Concours d‘ Élégance. Bei den MEDIA AWARDS 2015 wurde der Wagen als bestes Coupé prämiert. Die Auszeichnung führte augenblicklich zu einer erheblichen Wertsteigerung des Klassikers.

Erste Inaugenscheinnahme

Erste Inaugenscheinnahme

Und obwohl der Wagen bereits verkauft ist und es sich in der komfortablen Tiefgarage des Unternehmens unter seinesgleichen gemütlich gemacht hatte – dort, wo kein Stäubchen den perfekten Lack bedeckt und den Concours-Zustand in Frage stellt; obwohl es am Vormittag des 27. April beständig nieselnd regnete und die Straßen noch nass waren und sogar der eine oder andere größere Tropfen niederfiel, löste Helmut Eberlein sein Versprechen ein: eine Probefahrt, die diesen Artikel erst zu einem Fahrbericht adelt. Der Ferrari war schon für uns vorbereitet. Die Batterie frisch geladen, das Auto aus der Reihe der anderen Schönheiten ausgeparkt. Zuerst ein Blick auf den Motor, der sich – wie das gesamte Fahrzeug – perfekt restauriert zeigte. Tief hinter der Vorderachse eingebaut, sorgt der Front-Mittelmotor für eine sportliche Straßenlage mit hervorragendem Schwerpunkt.

Vor dem Start ist Handarbeit gefragt

Vor dem Start ist Handarbeit gefragt

Jetzt das Juwel händisch noch etwas nach vorne schieben, damit die makellos weiße Wand von den Verfärbungen der Abgase verschont bleibt. Die Startzeremonie an sich ist schon etwas ganz Besonderes. Der Zündschlüssel thront in der Mitte des Armaturenblechs. Beim Einschalten der Zündung meldet sich als erstes die Benzinpumpe knatternd zu Wort und pumpt schon mal Kraftstoff zu den Vergasern. Ein Druck auf den Schlüssel, der hier zusätzlich als richtiger Anlasser dient, löst schließlich den Startvorgang aus und nach nur wenigen sanften Gasstößen läuft er rund und brazzelt vor sich hin.

Helmut Eberlein bei der Startprozedur

Helmut Eberlein bei der Startprozedur

Während die roten Nummernschilder für unsere Testfahrt organisiert wurden, hatten wir schon einmal Gelegenheit, den Wagen aus allen erdenklichen Perspektiven abzulichten. Was heißt hier Wagen – schließlich gleicht er mit seinen perfekten Proportionen, Details wie den beinahe erotisch anmutenden Blinker-Häubchen und dem fließenden reinweißen Dach eher der Skulptur eines Künstlers – kennzeichnend für die Boano. Hinter den Sitzen befindet sich noch so etwas Banales, Praktisches wie eine Kofferablage, denn im flachen Kofferraum im Heck ist nicht nur das Reserverad untergebracht, sondern auch der Tank-Einfüllstutzen. Und zu einem Granturismo gehört schließlich, dass ein paar – standesgemäße – Gepäckstücke mitreisen dürfen. Die wunderschönen verchromten Borrani-Speichenräder mit klassischem Zentralverschluss glänzen mit der auf Hochglanz polierten metallic-himmelblauen Karosserie um die Wette.

Der Ferrari bekommt natürlich V-Power in den Tank

Der Ferrari bekommt natürlich V-Power in den Tank

Da sich die Tankuhr auf dem Nullpunkt ausruhte, führte uns die erste Etappe zur nächstgelegenen – ferrarifarbenen – Marken-Tankstelle. Überrascht registrierten wir, dass das Zählwerk erst bei fast 100 Litern endlich stoppte. Tatsächlich war es demnach höchste Zeit, für Sprit-Nachschub zu sorgen!

100 Liter passen in den Tank

100 Liter passen in den Tank

Auch Helmut Eberlein fuhr zum ersten Mal seinen Boano und nutzte vor Übergabe an den neuen Besitzer begeistert die Gelegenheit, den Boliden artgerecht zu bewegen. Das kurhessische Bergland rund um Kassel bot dazu die richtigen Sträßchen. Es folgte Photoshooting zweiter Teil: der Boano in Bewegung.

Herr Eberlein fährt ihn richtig warm

Herr Eberlein fährt ihn richtig warm

Nachdem alle Aufnahmen „im Kasten“ waren, durfte ich mein persönliches Highlight des Tages genießen: Fahrerwechsel. Die zehn Liter Motorenöl waren geschmeidig gefahren, der Öldruck stimmte und so konnte es losgehen.

Endlich ist es soweit - Fahrerwechsel

Endlich ist es soweit – Fahrerwechsel

Mit meinen 194 Zentimetern bin ich wohl leider für den Boano schon fast etwas zu lang geraten. Der Einstieg ist zwar relativ einfach, aber die Kopffreiheit ist knapp bemessen und das große Holzlenkrad kollidiert leicht mit meinen langen Oberschenkelknochen. Das tat allerdings meinem Fahrerlebnis keinen Abbruch!

Das Kurhessische Bergland - ein ideales Revier

Das Kurhessische Bergland – ein ideales Revier

Endlich beginnt meine, von großem Respekt gegenüber diesem so besonderen Auto geprägte Testfahrt: Der erste Gang des vollsynchronisierten Viergang-Getriebes liegt vorne rechts und lässt sich ohne Probleme einlegen – wie überhaupt das Getriebe sehr geschmeidig und leicht greift. Die Schaltwege sind recht lang geraten, was schnelle Gangwechsel erschwert. Die Kupplung ist ohne viel Kraftaufwand zu betätigen, hat aber ebenfalls einen langen Weg; der Druckpunkt ist ziemlich weit oben, aber klar definiert. Anfahren kein Problem. Ohne zu ruckeln, nimmt mein Traumwagen wunderbar Gas an. Die 240 PS haben mit dem leichten Wagen keinerlei Probleme. Die Drehfreude des Motors ist beeindruckend. Der Boano hängt gut am Gas. Die im Stand sehr schwergängig anmutende Lenkung ist relativ direkt ausgelegt – das ist gut für schnelle Kurvenpassagen, doch aufgrund der hochsensiblen Reaktionen des Gefährts auf zu große Lenkbewegungen ungünstig für einen ruhigen Geradeauslauf.

Dynamik auch in den Kurven

Dynamik auch in den Kurven

Vor dem ersten Abbiegen dann eine kleine Schrecksekunde: Die Bremsen – bis 1959 wurden ausschließlich Trommelbremsen verbaut – fordern schon einen sehr beherzten Tritt aufs Bremspedal. Mit unserem Morgan bin ich Trommelbremsen ohne Bremskraftverstärker gewohnt, aber hier ist ein ganz anders dosierter Krafteinsatz vonnöten.

Der tiefe Schwerpunkt und der nach hinten versetzte Motor sorgen für eine sehr ausgewogene Gewichtsverteilung, sodass der Wagen eher über- als untersteuert. Das Fahrwerk besteht aus einer hinteren Starrachse mit Blattfedern, was aber bei Sportwagen dieser Zeit durchaus üblich war. Ich jedenfalls war weit davon entfernt, die Reaktionen des Wagens im Grenzbereich zu erkunden, zumal der Straßenbelag im Sonnenlicht noch ein wenig feucht glänzte und die kühle Witterung ein rasches Aufwärmen der Reifen nicht zuließ. Viel wichtiger war für mich natürlich, den Boliden wohlbehalten und unversehrt vor der Ferrari-Vertretung Eberlein wieder einzuparken.

Für einen Händler wie Helmut Eberlein stellt sich bei jedem neuen Herzensprojekt – und so sieht er zweifelsohne auch den 250 GT Boano – stets wieder die Frage: weiter veräußern oder doch lieber behalten, hegen, pflegen… und genießen…?

Das Ende einer Testfahrt

Das Ende einer Testfahrt

Über diesen wunderbaren Boano jedenfalls darf sich bald ein anderer Oldtimer-Liebhaber freuen und ich hoffe im Sinne des Boliden, dass er auch künftig ab und an artgerecht bewegt werden wird – mit einem lächelnden Piloten am Steuer. Ihm wünschen wir an dieser Stelle allzeit gute Fahrt und bedanken uns bei Helmut Eberlein noch einmal ausdrücklich für dieses einzigartige Erlebnis! Näheres zu den Klassikern von Ferrari Eberlein unter: http://www.ferrari-eberlein.de/index.php/Fahrzeugangebot_Klassiker.html