Nur fünf Tage nach dem Ende der Classic Days auf Schloss Dyck – Oldtimer fahren kann schon ganz schön stressig sein – traf man sich erneut. Der AvD lud ein auf den Grand Prix-Kurs und die Nordschleife am Fuße der Nürburg und kaum einer, der nicht nur seine Pretiosen mit Wattestäbchen für einen Concours d‘Elégance vorbereitet und die letzte Fliegenleiche aus dem Kühlergrill gekratzt, sondern ein gerüttelt Maß Benzin im Blut hat, ließ sich das Ereignis entgehen. In vertrautem jährlichem Rhythmus. Auch wir machten uns wieder auf den Weg. Die Autobahn meidend – jeder weiß, was da bereits am Freitag los ist. Kleine verträumte Eifelsträßchen luden ein. Nur noch zehn Kilometer bis zum Ring und kein Auto auf der Straße? Hatten wir uns im Termin geirrt? Die Sonne blinzelte schon hinter den Hügeln und wärmte den frühen Morgen an, frischer Wiesenduft streifte unsere Nasen, aber immer noch kein Auto weit und breit zu sehen. Zumindest so nah am Ring hatten wir mit einer zunehmenden Oldtimerdichte gerechnet. Aber gut, es war Freitag früh und eigentlich der Moment der ersten Zeittrainings – noch sieben Kilometer, sechs, fünf … und auf einmal war es zu hören: erst undefinierbar grummelnd, dann anschwellend – wie ein Hornissenschwarm, der sich geräuschvoll nähert. Ja, wir hatten uns doch nicht im Termin geirrt. Die Teilnehmer waren nicht nur angekommen, sondern nutzten ihre Trainingszeiten weidlich aus. Nur die potentiellen Zuschauer gingen anscheinend ihrem gewohnten Tagwerk nach und so hielten sie die Nebenstraßen bis zum Kreisel vor der Grand Prix Strecke für uns frei.

Der Nürburgring

Erst mal zur Presse-Akkreditierung an der Tanke bei der Döttinger Höhe. Was sein muss, muss eben sein. Empfang des Programms, der Badges, der Pressewesten, der Parkerlaubnis … Jetzt aber nichts wie los – schließlich waren wir nicht zum Vergnügen dort, obwohl manche Oldtimer-Enthusiasten das sicher anders sehen. Schließlich durften wir sicherheitstechnisch korrekt ausgestattet direkt an die Strecke. Freundliche Shuttle-Fahrer/innen brachten uns an unser Wunschziel: ob Schuhmacher-S, Warsteiner-Kurve oder zur Nordschleife, wo am Freitag für viele Teilnehmer bereits die Höhepunkte des Rennwochenendes stattfanden: der 23. AvD-Historic-Marathon und die Nürburgring Trophy.

Das historische Fahrerlager barg etliche Schätzchen

Die Nordschleife, die wohl legendärste Rennstrecke weltweit: 20,793 Kilometer lang, 73 Kurven, 300 Meter Höhenunterschied, bis zu 17 Prozent Steigung und 11 Prozent Gefälle, selten echte Auslaufzonen, die Leitplanken bedrohlich nah an der Strecke. Ich entschied mich für den Pflanzgarten als Standort für erste Fotos: Wenn die Fahrzeuge vom Brünnchen das Gefälle hinabbrausen, in der Senke beinahe aufsetzen, die Rechtskurve mit Highspeed nehmen, um genügend Schwung für die Steigung Richtung Schwalbenschwanz und Döttinger Höhe mitzunehmen, sieht man manchen Piloten an der Haftgrenze seiner Reifen. Den Drift riskieren – es ist ja trocken – oder kurz den Gasfuß anlupfen, um das schmale Kiesbett zu vermeiden, das bestimmt nicht ausreicht, wenn mal „die Strecke ausgeht“.

Der-65er-Jaguar-MK-II-des-britischen-Teams-Buncombe-Meadon-jagd-den-57er-Alfa-Giuletta-Sprint-Veloce-des-Kansadisch-Deutsch-Italienischen-Teams-Owen-Schumacher-Falanga

Für die Spitzenpiloten im Feld wie Walter Röhrl, Marco Werner, Markus Oestreich oder Frank Stippler keine Frage – für manchen, auch erfahrenen, Amateur schon. Eigentlich waren es zwei Rennen, die am Freitag parallel auf der Nordschleife stattfanden: der dreieinhalbstündige AvD-Historic-Marathon für Tourenwagen und GT-Fahrzeuge der Jahrgänge 1947 bis 1965. Und die „nur“ zweieinhalb Stunden der Nürburgring Trophy für die Jahrgänge 1966 bis 1971. Insgesamt waren für den Marathon 52 Teams gemeldet, für die Nürburgring Trophy 27 Teams, die in ihren Porsche 911, den Ford GT 40, AC Cobra, E-Types, Alfas, Lotus, Marcos, TVR, Healeys, MG, Morgan und vielen anderen todesmutig und materialverachtend die Nordschleife unter die Räder nahmen. Im Training waren Marcus Graf von Oeynhausen und Frank Stippler im Jaguar E-Type Competition Roadster (Baujahr 1962) mit Abstand die Schnellsten, im Rennen bremste sie ein Defekt im Verteiler aus und sie mussten aufgeben. Gewonnen hat in dem bis zur letzten Runde spannenden Rennen das Team Ellerbrock / Furiani auf Alfa Romeo, das 23 Runden in einer Zeit von 3:31:36,364 zurücklegte.

So sehen Sieger aus: Das Team Ellerbrock  Furiani - die Sieger des AvD Historic Marathon im 65er Alfa Romeo Giulia Sprint GTA

Die Nürburgring Trophy für GT und Tourenwagen bis 1971 gewann ein bekanntes Piloten-Duo der Langstreckenszene: Kersten Jodexnis und Wolfgang Destreé waren in ihrem Porsche 911 S 2,4 (Baujahr 1971) nicht zu schlagen. Aber auch auf der Grand Prix-Strecke wurde kräftig Gas gegeben: in insgesamt 10 Rennen duellierten sich Formel Junior Monoposti, historische Formel 1 Wagen, Grand Prix Cars bis 1969, Rennwagen aus der ehemaligen deutschen Rennsport-Meisterschaft 1972-1981, zweisitzige Rennwagen und GT, Boliden aus den Jahren 1962 bis 1974, die die FIA Masters Historic Sports Sports Car Championship ausfuhren, die „Gentlemen Drivers“ mit ihren GT bis 1965, Vorkriegs-Rennsportwagen, BMW-Rennwagen – wobei ich noch nie so viele M1 auf der Strecke gesehen habe – sowie Tourenwagen und GT bis 1965, die sich um die AvD-Tourenwagen-Trophäe balgten.

Flammenspeiender-BMW-M1

Egal in welcher Klasse, gefahren wurde stets auf der letzten Rille – und bisweilen auch ein wenig schneller. Wenn die Querbeschleunigung die Haftgrenze der Reifen übersteigt, folgt halt der Dreher auf dem Fuße, was von den Zuschauern mit heftigem Johlen goutiert wurde. Größere Ausflüge – über das Kiesbett hinaus – gab es allerdings nicht, sodass manifeste Blechschäden oder gar Schlimmeres ausblieben.

Toni Thiele in seinem 49er Veritas RS

Nicht nur den Besatzungen, sondern auch den Zuschauern, die vor allem am Samstag und Sonntag zahlreich an die Strecke gepilgert waren, wurde etwas geboten: historischer Motorsport mit Höhepunkten ohne Ende – und natürlich gepflegtes Clubleben. Abseits der Grand Prix Strecke trafen sich in trauter Runde die Markenclubs, um sich von der anstrengenden Zuschauerrolle zu erholen, zu sonnen, zu grillen, zu feiern und zu fachsimpeln: … war es nicht toll letzte Woche auf Schloss Dyck mit dem verrückten, im Army-Jeep patrouillierenden, Befehle brüllenden und singenden Holländer in Uniform mit seinen sexy Mädels im Stil der 50er Jahre… Liebevoll gepflegte und konservierte Erinnerungen…

Links: "Ups 1": Dominik Roschmann in seinem 3,0 CSL Alpina als Geisterfahrer Rechts: "Ups 2": Jörg Hübner mit seinem 911 3,0 RSR sollte an der Box mal den Reifendruck prüfen lassen