Oldtimer Drifttraining – die Quertreiber. Der typische Oldtimerfreund und Eigentümer behandelt sein Gefährt mit aller Zuneigung und äußerster Vorsicht. Da wird gehätschelt, geputzt, gewartet, restauriert, poliert – auf dass die Liebe noch lange währen möge. Man(n) holt das gute Stück vornehmlich bei gutem Wetter aus der Garage und dreht bisweilen sogar eine kleine Runde auf idyllischen Sträßchen. Wieder daheim angekommen, wird es wieder unter der innen angerauten Haube aus Naturfaser versteckt, damit bloß kein Stäubchen auf die glänzende Karosserie fallen möge. Doch plötzlich lockt da ein ADAC Fahrsicherheitszentrum in Embsen mit so etwas Außergewöhnlichem wie dem Oldtimer Drifttraining – die Quertreiber…???

Ich hoffe, dass kein veritabler klassischer Sportwagen des Lesens kundig ist, denn er würde sich schütteln und den Autor der ersten Zeilen verdammen. Schließlich haben ein Austin Healey, ein Triumpf TR 4, TR 6 und ein Porsche 911 älteren Baujahres eines gemeinsam: Sie sind allesamt veritable Sportwagen, die sich über ein paar Runden in Le Mans, am Bilster Berg oder auf dem Nürburgring sicher freuen würden. Damit dies ohne schlimmere Blessuren abgeht, wäre es allerdings ratsam, wenn das sportlich ambitionierte Frauchen oder Herrchen der Fahrzeugbeherrschung auch im Grenzbereich kundig wäre.

Um dieses Talent zu perfektionieren, trafen sich am 23. August – bei durchaus unerwartetem Sonnenschein – einige Oldtimerbesitzer auf dem Trainingsgelände des ADAC bei Lüneburg zu einem speziellen Oldtimer Drifttraining, veranstaltet von der Firma Sportwagen Event. Dahinter steht als erfahrener (ADAC-) Trainer Matthias Wetzler (Kontakt: info@sportwagen-event.de). Er wurde als Instruktor unterstützt von Thomas Sandmann, der sonst als Leiter eines Rennteams fungiert und auf Veranstaltungen gern einmal selbst ein Race-Taxi kutschiert.

auf zum nächsten Modul

… auf zum nächsten Modul …

Da die Zahl der driftwilligen Oldtimerfahrer auch im Großraum Hamburg überschaubar ist, wurde die Gruppe durch ein paar Fahrer(innen) ergänzt, die mit moderneren, aber durchaus klassisch zu nennenden Sportwagen am Training teilnahmen – zum Beispiel einem BMW Z3 M-Coupé, Z4 M-Roadster, 320; Toyota GT 86 oder Nissan 370Z.

Warten auf den Einsatz

Warten auf den Einsatz

Die Veranstaltung begann mit einer kurzen Vorstellung aller Teilnehmer, bei der Wünsche und Erwartungen erfragt sowie die Programmpunkte erläutert wurden. Etliche der ambitionierten Piloten und Pilotinnen hatten bereits Drift- oder Rennstreckentrainings hinter sich und auch Rennstreckenerfahrung gesammelt, oder besaßen sogar schon eine A-Lizenz. Deshalb konnte der theoretische Teil kurz gehalten werden. Gleichwohl galt es, den unterschiedlichen Baujahren und Fahrzeugkonzepten Rechnung zu tragen. Schließlich verfügten zumindest die Oldtimer nicht über Servohilfen oder elektronische Fallschirme, die einen Abflug abzufangen in der Lage gewesen wären. Das Übungsgelände bot zudem genug Auslaufzonen, sodass Dreher nicht nur unbeabsichtigt geschahen, sondern sogar bewusst herbeigeführt werden konnten, ohne Folgen für Fahrer und Auto zu verursachen.

Downhill-Drift wie auf Eis

Downhill-Drift wie auf Eis

Als leichte Einfahrübung fuhr Matthias mit uns zu einer steilen Bergabpassage mit gut bewässerter Fläche ohne nennenswerten Reibwiderstand. Hier konnten die Teilnehmer allein durch eine Slalomfahrt das Heck ihres Autos dazu bewegen, ein – gewolltes – Überholmanöver einzuleiten, das dann durch Gegenlenken ausgeglichen wurde… oder auch nicht, was dann zu einer mehr oder weniger eleganten Pirouette ausartete.

Pirouette gerade noch vermieden

Pirouette gerade noch vermieden

Aufgrund der kleinen Gruppe konnten bei jedem Modul zahlreiche Runden gefahren werden, die dann auch schnell zu einem zufriedenstellenden Trainingsergebnis – sprich gekonntem Drift – führten.

Einfahrt in die Linkskurve

Einfahrt in die Linkskurve

Besonders am Ende dieses Segments: einer langgezogenen, ebenfalls reibwertarmen und gut bewässerten Linkskurve im Anschluss an das Gefälle.

Geradestellen am Ende der Linkskurve

Geradestellen am Ende der Linkskurve

Besonders bei den offenen Roadstern führte gerade die ständige Befeuchtung zu einer „Ice Bucket Challenge“ ohne Eiswürfel. Für einen „Wet-T-Shirt-Contest“ reichte es aber allemal.

Es konnte schon mal nass werden

Es konnte schon mal nass werden

Die Module 2 und 3 wurden ebenfalls am Hang durchgeführt. Im Modul 2 ging es um den Wechsel von griffiger zu glatter Fahrbahn und im Modul 3 um die Fahrzeugbeherrschung bei einer vollflächig bewässerten „Berg-auf-Passage“.

... und wieder hoch den Berg ...

… und wieder hoch den Berg …

Nach der wohlverdienten Mittagspause luden Matthias und Thomas zu einer interessanten Serpentinenfahrt bergauf ein – natürlich ebenfalls gründlich angefeuchtet und reibungsarm. Hier galt es, beim Einleiten der Drifts die Topografie zu nutzen. Wer hier zu forsch zu Werke ging, konnte bei einem ungewollten Dreher schon mal mit der Schnauze seines Gefährts dem Abhang näher sein, als ihm lieb war. Aber letztlich passierte nichts wirklich Gefährliches und das „Dauergrinsen“ der Teilnehmer erschien mehr und mehr wie ins Gesicht gemeißelt.

Die Module 5 und 6 wurden parallel durchgeführt: eine wiederum gut bewässerte, aber dabei griffige Kreisbahn animierte zu einem möglichst langen und kontrollierten Drift, der schon mal über mehrere Runden gehen konnte.

Matthias demonstriert den kontrollierten Drift

Matthias demonstriert den kontrollierten Drift

Matthias schnappte sich zum Einstieg den schwarzen Toyota GT 86 und demonstrierte den Teilnehmern eindrucksvoll, wie er sich die Ausführung vorstellte.

Einarmiger Drift als kleines Handycap

Einarmiger Drift als kleines Handycap

Parallel wurde eine zweite Fläche bewässert, auf der zügig sowie mehrfach hintereinander eine Acht unter möglichst gekonnter Zuhilfenahme eines eleganten Hüftschwungs gefahren werden sollte – im Fachjargon „Lastwechsel-Drift“.

Auf der Acht blieb mancher Gummi liegen

Auf der Acht blieb mancher Gummi liegen

Da die durch einen Tankwagen provisorische Bewässerung suboptimal war, wurde hier mancher Euro-Schein dem Reifenabrieb geopfert.

Die Healey- und TR-Fraktion schonte bei diesen Modulen lieber Fahrwerk und Reifen. Ebenso beim Abschlussmodul, einem Lastwechsel-Slalom auf sehr gut bewässerter, ebener Strecke.

Es wurde bisweilen richtig nass

Es wurde bisweilen richtig nass

Wer zu Beginn beim „Wet-T-Shirt-Contest“ noch nicht punkten konnte, hatte hier dazu Gelegenheit. Allerdings nutzte dies nur der Fahrer eines schwarzen Z4 M-Roadster.

Wet T-Shirt Contest Teil 2

Wet T-Shirt Contest Teil 2

Die anderen Teilnehmer fuhren entweder mit vorsorglich oder bauartbedingt geschlossenem Dach.

Einfahrt in den Lastwechsel-Slalom

Einfahrt in den Lastwechsel-Slalom

Dann folgte – bei immer noch herrlichem Kaiserwetter – die Abschlussbesprechung auf der Terrasse des ADAC-Geländes. Hier wurde noch einmal betont, dass die Driftfähigkeit eines Autos sehr stark konstruktionsbedingt ist oder zusätzlich durch die Wahl der Reifen beeinflusst werden kann. Während im Toyota meist ein mehr oder minder beherzter Tritt aufs Gaspedal den Heckschwenk einleitet, muss beispielweise im 320er BMW Touring mit Lastwechseln gearbeitet werden. Klassiker, wie der Porsche 356, lassen kaum einen kontrollierten Drift zu. Sein Nachfolger, der 911er, driftete jedoch um die Ecken, dass allein das Zusehen eine wahre Freude war.

Beim 320er lässt sich der Drift nur schwer provozieren

Beim 320er lässt sich der Drift nur schwer provozieren

Einig waren sich alle Teilnehmer darin, dass besonders bei der „hohen Schule des Driftens“ allein Übung den Meister macht.

Nächste Gelegenheit in Embsen ist übrigens das Saisonabschlusstraining am 26. Oktober, doch natürlich werden ähnliche Spezialtrainings auch auf anderen ADAC-Übungsstrecken angeboten.