Mit „unserem Klassiker“ ins Périgord – 4.000 Kilometer Lebensfreude. Den Anstoß zu dieser Reise gab unsere Lektüre der Bücher von Martin Walker über das Leben von Bruno, „Chef de Police“ in St. Denis. Seine liebevollen Schilderungen des Ortes, der im wahren Leben Le Bugue heißt, der Landschaften im Périgord sowie der Lebensart und Marotten seiner Bewohner machten einfach Lust, einmal selbst tief in das Leben dort einzutauchen. Um ein Fazit vorwegzunehmen: Unser Traum wurde wahr – also bitte weiterlesen.

Die Vorbereitung war denkbar einfach: einsames Landhaus mieten; mit Google Maps eine Route bestimmen, wobei wir von Hamburg aus für den Hin- und Rückweg jeweils vier Tage einplanten. Schließlich sollte der Urlaub bereits hinter dem Elbtunnel beginnen. Um unterwegs auch sicher schöne Hotels vorzufinden, buchten wir alle (4 Sterne-) Unterkünfte vor. Kein Hotel kostete mehr als 100 € pro Zimmer, entsprechende Empfehlungen finden sich im Text.

Abfahrt am Mittwoch, den 18. Juni. Unser rothaariges Navigationssystem hatte aus den groben Routenvorschlägen im sehr empfehlenswerten Michelin-Straßenatlas (Maßstab 1: 200.000) den einfachsten und voraussichtlich schönsten Weg markiert und gab mit seiner bezaubernden Stimme laufend die entsprechenden Anweisungen: „Hinter der Kirche in die zweite Straße links einbiegen“… Die Tagesetappen lagen zwischen 250 und 420 Kilometern – Erfahrungs-Stundenschnitt: ca. 50 Kilometer. So verbrachten wir die zweite Reisenacht bereits in der Champagne im Hotel Auberge des Moissons in Matouges (http://www.auberge-des-moissons.com). Das bereits 2012 getestete Abendmenu – exquisit, aber trotzdem erschwinglich – stimmte uns mit Champagner und Foie gras auf bevorstehende kulinarische Genüsse ein…

Eine 2 CV älteren Datums in voller Fahrt

Eine 2 CV älteren Datums in voller Fahrt

Vive la France!

Natürlich verzichteten wir auf der gesamten Tour weitestgehend auf die Benutzung von Autobahnen, denn auch der Weg sollte unser Ziel sein! Selbst die sehr gut ausgebauten Route Nationales (N …) sahen uns nur gelegentlich, denn schließlich wollten wir möglichst hautnah Land und Leute kennenlernen.

So angenehm die größtenteils ohne andere Verkehrsteilnehmer stattfindende Fahrt auf kleineren Straßen auch ist – jedenfalls, wenn man um Paris einen weiten Bogen schlägt – das Auge sollte dabei auf jeden Fall dem Füllstand des Tanks Beachtung schenken. Denn das Tankstellennetz abseits der Autobahnen ist sehr grobmaschig und wenn dann mal eine an der Strecke auftaucht, ist sie womöglich geschlossen oder die Zapfsäule fordert zur Kreditkartenzahlung auch eine (leider nicht beantragte) PIN-Nummer. Ein guter Tipp hierzu sind die großen Supermarktketten (Intermarché, Super U, Leclerc oder Carrefour). Die haben oft auch sonntags geöffnet und verfügen meist über eine eigene Tankstelle.

Frühstück in Neuvy-Pailloux

Frühstück in Neuvy-Pailloux

Statt ein kostspieliges Hotelfrühstück in europäischem Standard einzunehmen und um mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen, suchten wir zu Beginn einer Tagesetappe als erste Pause stets eine Café-Bar im nächsten Dorf auf. Dort gibt es hervorragenden Kaffee und in der benachbarten Boulangerie das fehlende Croissant, Baguette, die leckere Tarte de Pommes oder ein zartes Eclair dazu. Eine solche Bar befindet sich in fast jedem Ort am Marktplatz, neben einer Kirche oder der Mairie (Rathaus, bisweilen in etwas größeren Städtchen auch Hôtel de Ville genannt).

Von dort hat man auch fast immer das obligatorische Denkmal „für unsere gefallenen Freunde von 1914-1918“ gut im Blick und morgens um 10:00 Uhr herrscht schon richtig Betrieb. Überwiegend sind es allerdings Männer, die sich dort einen grand café noir, einen petit blanc (kleines Glas Weißwein) oder ein erstes pression (Gezapftes) gönnen und mit denen man automatisch ins Gespräch kommt, sobald sie den vor der Tür parkenden Morgan entdecken – so man denn ein paar Brocken Französisch beherrscht, ohne die eine Kommunikation in Frankreich sich recht schwierig gestaltet.

In der zweiten Frankreichnacht schliefen wir im Hotel La Cognette in Issoudun. (http://www.la-cognette.com/en/the-hostel.html). Auf das hoteleigene Sternerestaurant hatten wir keine Lust – es öffnete ohnehin erst zwei Stunden später, eine Eigenart der französischen Gastronomie. Restaurants servieren das Dinner in der Regel nicht vor 19:00 Uhr.

Nach der Tagesetappe in brütender Hitze knurrte uns allerdings heftig der Magen. Also testeten wir kurzerhand den örtlichen Einzelhandel, deckten uns mit Rotwein, Baguette, rillettes, Knoblauch-Schweinebraten, Krabben-Reissalat und Käse ein und genossen auf unserer eigenen kleinen Zimmerterrasse im lauschigen Hotelinnenhof bei untergehender Sonne ein (fast) stilvolles Abendessen.

Am 4. Tag erreichten wir unser Ziel: ein traumhaft schönes, liebevoll restauriertes Landhaus in Petit Bersac, 90 Kilometer nordöstlich von Bordeaux im Herzen des Périgord Vert. Mit 20.000 m² Grundstück, um das sich ein englischer Gärtner liebevoll kümmert, gepflegtem eigenem Außen-Schwimmbad mit angrenzendem Poolhaus.

La Gravette - unser Zuhause für 2 Wochen

La Gravette – unser Zuhause für 2 Wochen

La Gravette (http://www.landhaeuser-perigord.de/de/haeuser/la-gravette), so nennt sich dieses Kleinod aus dem 18. Jahrhundert, war früher das Verwaltergebäude des benachbarten Château Le Mas de Montet, das heute als Hotel genutzt wird und zum Glück von einer hohen Hecke umgeben ist, die für Sicht- und Lärmschutz sorgt. So gestalten sich die Abende auf einer der drei Terrassen denkbar ruhig und entspannend. Eine kleine Boulangerie findet sich in fußläufiger Entfernung und das nächste etwas größere Städtchen – Ribérac – ist mit dem Morgan nur 15 Minuten entfernt. Dort findet man im Intermarché alles, was zum (Über-)Leben und Genießen benötigt wird. Im alten Ortskern liegt zudem das Restaurant Le Citronnier. Es ist jede Sünde wert. Wenn Gott je in Frankreich gelebt haben sollte, so hat er dort sicher zu Abend gegessen – und das zu durchaus zivilen Preisen. Wer es lieber recht günstig mag, geht zum déjeuner in den L’Épi Grill und speist am Abend auf der „heimischen“ Terrasse.

Sonnenuntergang auf der Terrasse von La Gravette

Sonnenuntergang auf der Terrasse von La Gravette

Felsenkirche Saint-Jean in Aubeterre-sur-Dronne

Felsenkirche Saint-Jean in Aubeterre-sur-Dronne

Noch dichter als Ribérac liegt Aubeterre-sur-Dronne. In dem 400-Seelen-Dorf gibt es zwar keinen Supermarkt, aber die in den Berg gehauene monolithische Felsenkirche Saint-Jean – und neben etlichen anderen einladenden Restaurants an einem idyllischen Marktplatz die Crêperie de la Source, die von der Engländerin Catherine betrieben wird und vor allem über zwei übereinanderliegende gemütliche Terrassen mit wunderbarer Aussicht über das Tal der Dronne verfügt.

Blick von der Terrasse der Crêperie de la Source

Blick von der Terrasse der Crêperie de la Source

Dem aufmerksamen Leser der Geschichten über „Bruno – Chef de Police in Saint-Denis“ werden viele Ortsnamen sehr bekannt vorkommen. Einige Dörfer und Städtchen liegen malerisch an den Flüssen des Périgord: der Dordogne, Vézère, Dronne. Jedes hat einen ganz eigenen Charakter.

Markt in Sarlat-la-Canéda

Markt in Sarlat-la-Canéda

Sarlat-la-Canéda ist recht überlaufen, aber so schön, dass man die anderen Touristen gern in Kauf nimmt. Nicht nur hier scheint die Zeit mindestens 200 Jahre stillgestanden zu sein.

Noch viel deutlicher zu spüren ist der Zeitsprung in die Vergangenheit in Beynac-et-Cazenac mit seiner trutzigen Festung hoch über dem Ort.

Straßenszene in Beynac-et-Cazenac

Straßenszene in Beynac-et-Cazenac

Die meisten Besucher bleiben zum Glück jedoch im Tal oder nutzen mit dem Auto die schmale Straße hinauf zur Burg. So ist es tatsächlich möglich, den sehr steilen Fußweg mit mittelalterlichem Pflaster zwischen den alten Häusern beinahe allein – in Gedanken in einer anderen Welt – hinaufzukraxeln. Und hier leben Menschen, denen nur die passende Kleidung für die totale Illusion fehlt. Gern wird dieses romantische Bergdorf übrigens als Filmkulisse genutzt.

Der Besuch in Le Bugue ist für Bruno-Fans ein Muss. Schließlich wacht ein leibhaftiger „chef de police“ über den Ort, der als Vorlage für die Romanfigur Bruno diente.

Zum Scheunenfund fehlt nur die Scheune - gesehen in Verteillac

Zum Scheunenfund fehlt nur die Scheune – gesehen in Verteillac

Scheune mit Fund in Verteillac

Scheune mit Fund in Verteillac

Aber auch andere sehr kleine Ortschaften wie Verteillac, Saint-Cyprien; Les Eyzies-de-Tayac-Sireuil mit dem Château de Tayak, den in den Fels gebauten Häusern sowie der Tropfsteinhöhle Grotte du Grand Roc oder Saint-Léon-sur-Vézère lohnen einen Ausflug.

La Roque St-Christophe

La Roque St-Christophe

Saint-Léon-sur-Vézère

Saint-Léon-sur-Vézère

Zu unseren Lieblingszielen zählte auch Brantôme, ob seiner „Insellage“ an der Dronne und der zahlreichen Brücken „Venedig des Périgord“ genannt.

MG in Brantôme

MG in Brantôme

Die Dronne in Brantôme

Die Dronne in Brantôme

Unsere zwei Wochen in „Fronkreisch“ vergingen wie im Fluge, und ein Höhepunkt der Reise sollte noch folgen: die „Le Mans Classics“. Schließlich bedeutete der Umweg über Le Mans lediglich 100 zusätzliche Kilometer und die Veranstaltung ist ohnehin jede Anreise wert. Aber dieses Mega-Event der Klassiker Szene bekommt natürlich seine eigene Geschichten – nachzulesen in einigen Tagen an dieser Stelle.

Kommt er auch aus Le Mans

Kommt er auch aus Le Mans?

Wie bereits vor zwei Jahren, beherbergte uns das Château de Villeray, das zwar 80 Kilometer nordöstlich von Le Mans liegt, dafür aber seine Übernachtungspreise nicht den Le Mans Classics „anpasst“. Das Schloss und das dazugehörige „Mühlenensemble“ (Moulin et château de Villeray/ www.domainedevilleray.com) mit dem vorzüglichen Restaurant lohnen die gut einstündige Anfahrt allemal.

Moggi vor dem Château de Villeray

Moggi vor dem Château de Villeray

Unsere Rückfahrt nach Hamburg führte uns zunächst Richtung Arras. Wer stets mit offenen Augen durch die Landschaft fährt und auch mal für ein besonderes Ziel abseits der Straße Zeit findet, kann – wie wir – dabei durchaus auch mal einem „richtigen“ Schlossherren begegnen. Er wurde durch unseren Morgan angelockt, der fotogen vor dem Château de Boisset les Prévanches parkte und nahm sich spontan die Zeit, uns über sein imposantes Anwesen zu führen. Vielleicht war es auch nicht ganz uneigennützig, da er auf dem Gelände zahlreiche Hochzeitsfeiern ausrichtet und größere Gruppen von bis zu 70 Personen in den sechs restaurierten „Cottages“ unterbringen und bewirten kann. Sogar ein eigenes kleines Theater gibt es, in dem Mata Hari aufgetreten sein soll… Ein ganz besonderes Ziel, z.B. auch für Markenclubs. Näheres unter: http://www.manoirdesprevanches.fr/.

Nach dem ausgiebig genossenen Landleben wählten wir als eine Station auf unserer Rückreise die Stadt Arras aus. Das Hôtel de l’Univers (www.univers.najeti.fr) ist nicht nur sehr empfehlenswert, sondern liegt auch unmittelbar an der pittoresken Altstadt mit imposanten rechteckigen, von einheitlichen und beeindruckenden Fassaden im flämischen Baustil gesäumten Plätzen. Hier wird in den zahlreichen Restaurants übrigens sogar vor 19:00 Uhr ein wohlverdientes Abendessen serviert…

Orchies… ein letzter  „petit blanc“

Orchies… ein letzter „petit blanc“

Am nächsten Morgen „the same procedure“. Kurz vor der belgischen Grenze in Orchies legten wir unseren obligatorischen Frühstücksstopp ein, diesmal in einer italienisch geführten Sportsbar. Nach dem grand café au lait gönnten wir uns zum Abschied den örtlichen Sitten entsprechend einen petit blanc und unterhielten uns angeregt mit dem Inhaber über das bevorstehende Halbfinalspiel sowie den für den nächsten Tag erwarteten Besuch der „Tour de France“, woraufhin er uns als Souvenir eine Flasche „unseres“ Weines in die Hand drückte…

Grandhotel Post Plaza

Grandhotel Post Plaza

Die Etappe durch Belgien war kurz – und eine „Unterwasser-Tour“, denn Dauerregen begleitete uns zwei Tage lang, bis kurz vor Leeuwarden in den Niederlanden, wo wir im Grand Hotel Post Plaza stilvoll und herzlich empfangen wurden (http://www.post-plaza.nl/Home/1-1-0).

Restaurant am Wasser in Leeuwarden

Restaurant am Wasser in Leeuwarden

Hier lachte endlich auch die Sonne wieder und versüßte uns den Bummel durch die sehenswerte Altstadt. Nach dem vorangegangenen erfolgreichen Halbfinale der Deutschen Mannschaft gegen Brasilien (7:1), sollten abends die Niederlande gegen Argentinien antreten. Also gönnten wir uns ein kleines „Public Viewing“ in der Bar unseres Hotels – dekoriert mit unterwegs erstandenen „Oranjeschals“ – inmitten holländischer Fans und bis zum „bitteren“ Ende…

Der letzte Abschnitt unserer Reise führte uns schließlich sogar ohne Steckscheiben bei strahlendem Sonnenschein entlang der friesischen Küste nach Hause – nach 4110 Kilometern voller Lebensfreude und ohne Schaden an unserem wackeren Moggi!