Unser Morgan

Unser Morgan

Ein Klassiker will sich auf keinen Fall mit lästigen Standschäden herumplagen, sondern bewegt werden! Schon gar, wenn es sich um einen Morgan handelt, der aussieht, als sei er aus den 50er Jahren – ungeachtet der etwas voluminöseren Reifen mit den dafür leicht verbreiterten Kotflügeln. Er bringt uns zuverlässig zu Geschäftsterminen und erfreut unser Herz in der Freizeit. Er wuselt durch Rallyefelder oder lässt sich schon mal auf der Rundstrecke sehen. Er ist überhaupt nicht kapriziös – halt ein echter Kumpel. Natürlich kriegt er regelmäßig „sein Fett weg“ – jedenfalls in die vier dazu vorgesehenen Schmiernippel… Seine Chromspeichen werden ebenso liebevoll poliert wie der Rest seiner anmutig geschwungenen Karosserie.

Scheuerstellen am Sitz

Scheuerstellen am Sitz

Eigentlich könnte alles gut sein, wären da nicht die unansehnlichen, abgewetzten Stellen an der Lehne des Fahrersitzes – dort, wo der Gürtel am Sitz „entlangschabt“, wenn Man(n) seine 194 cm und gut zwei Zentner Lebendgewicht in den Sitz hinabgleiten lässt, um die Fahrposition einzunehmen.

Abschürfungen am Türrahmen

Abschürfungen am Türrahmen

Wo ähnliche Abschürfungen am Türrahmen der Fahrerseite herkommen, ist uns zwar gänzlich unklar – gleichwohl sind sie vorhanden und alles andere als dekorativ. Und ein Schmuckstück soll unser Moggi ja natürlich bleiben!

Hierbei geht es allerdings nicht um die Diskussion, ob Patina erhaltenswert ist, oder nicht. Denn die beschriebenen Stellen haben mit Patina nichts zu tun, sondern sind schlichtweg hässlich!

Nun sind wir selbst alles andere als „Schrauber“ und wurden autotechnisch eher mit zwei linken Händen geboren. Insofern ist ein „Do-it-yourself-Trieb“ bei uns weder angeboren noch hat er sich im reiferen Alter nachträglich ausgeprägt. Also ein klarer Fall für die Fachwerkstatt, wo vor unserem geistigen Auge sofort die $-Zeichen auftauchen…

Auf der Techno-Classica lernte ich eher per Zufall Curt Bloss, den Deutschland-Geschäftsführer von Swissöl kennen. Im Hinterkopf hatte ich dabei bereits die Idee zu einer kleinen Story über die fachgerechte Pflege von Klassikern, also steckte ich seine Visitenkarte in die Hosentasche.

Swizöl-Werkstatt

Swizöl-Werkstatt

Als ich ihn dann ein paar Monate später in der Firmenzentrale in Baierbrunn traf, erzählte ich ihm von unserem kleinen Lederproblem. Er bat um ein paar Fotos von den betreffenden Stellen und deutete eine möglicherweise unaufwändige Lösung an. Diese gab es, wenngleich nicht ganz so einfach wie zunächst erhofft. Bei meinem nächsten Besuch nahm ich deshalb eine Original-Lederprobe mit und setzte mich mit dem Meister für die Lederpflege zusammen, der mir erläuterte, wie leicht auszuführen diese Reparatur im Grunde genommen sei.

Swizöl-Produkte

Swizöl-Produkte

Und so entstand die Idee für diesen Blog-Artikel: Lederreparatur beim Morgan – ein Selbstversuch.

Bereits eine Woche später kam ein Care-Paket mit diversen Fläschchen, einer Bürste, einem Baumwolltüchlein, ein paar Schwämmchen usw. an. Zwischenzeitlich war außerdem passend zu unserer Lederprobe eine Lederfarbe gemischt worden, die wir zu unserer Freude ebenfalls auspacken durften.

Ein klein wenig mulmig war uns schon, als wir uns an einem sonnigen Tag ans Werk machten. Vor allem auch, weil die Farbe der Lederprobe deutlich heller zu sein schien als unser Autoleder. Dabei dachten wir vorher, dass Leder mit zunehmendem Alter heller würde, weil es in der Sonne ausbleicht. Allerdings zeigte sich sehr schnell, dass der dunklere Farbton unseres „Burnt-Orange-Leders mit anthrazitfarbenem Keder“ schlichtweg durch eine Schmutzschicht entstanden war.

Als wir den Wagen für die anstehende Prozedur vorbereiteten, wurde uns nach Entfernen der Teppiche von Wagenboden und Ablage hinter den Sitzen erst einmal klar, um wieviel Leder es sich eigentlich handelte. Es mussten – gefühlt – schon einige Rindviecher ihre Haut für unseren Morgan geopfert haben.

Eine Menge Leder

Eine Menge Leder

Denn eigentlich besteht der komplette Innenraum aus Leder – bis in die kleinste Ecke hinein, z.B. sogar dort, wo der Gurt in Richtung Rolle verschwindet. Also ran ans Werk:

1.   Leder gründlich reinigen

Schäumende Lederreinigung

Zunächst sämtliche Nähte und Vertiefungen von Staub- und Sandpartikeln befreien. Wer ein Pressluftgerät besitzt, sollte dieses zur schnelleren Reinigung benutzen – bei uns musste eine ausgediente Zahnbürste herhalten. Anschließend abschnittsweise die Reinigungsflüssigkeit aufsprühen und mittels der mitgelieferten Bürste kräftig aufdrückend einschäumen – auch die Nähte. An der  dunkelnden Farbe des Schaumes war schnell zu sehen, wieviel Schmutz sich eigentlich im Leder angesammelt hatte.

Vor- und nach der Reinigung

Vor- und nach der Reinigung

Mit dem mitgelieferten (anfangs weißen) Baumwolltuch wird dann der feuchte Schaum zügig in einer Richtung abgewischt. Bei sehr starker Verschmutzung sollte der Vorgang eventuell wiederholt werden, aber hinterher ist das Leder wirklich sauber!

2. Leder entfetten

Leder entfetten

Lediglich an den Stellen, die nachgetönt werden sollen, muss jetzt das Leder mit dem Reinigungsbenzin und einem Mikrofasertuch entfettet werden. Verglichen mit der Grundreinigung eine Minutensache…

3. Leder färben

Die Lederfarbe soll vor Gebrauch gut geschüttelt werden.

Lederfarbe aufs Schwämmchen

Lederfarbe aufs Schwämmchen

Dann etwas Farbe auf das mitgelieferte Schwämmchen auftragen, den Schwamm zusammendrücken, damit sie sich gleichmäßig verteilt, und jetzt die Farbe vorsichtig auftupfen – nicht wischen oder reiben! Denn dann kann sie besser in die Lederporen eindringen.

Vorsichtig auftupfen

Farbe vorsichtig auftupfen

Vorsorglich wird sogar ein Gummihandschuh mitgeliefert – der Hersteller denkt auch wirklich an alles! Nach 10 – 15 Minuten ist die Farbe trocken. Bei kühler Witterung darf übrigens mit einem Föhn etwas nachgeholfen werden (bitte nicht zu dicht ran!). Sollte die Farbe nicht ordentlich decken, muss der Vorgang wiederholt werden – maximal noch zwei Mal.

4. Pause

Denn zwischen Färben und dem nächsten Schritt sollten mindestens 2-3 Stunden liegen.

5. Leder versiegeln

Versiegelungsflüssigkeit auf ein sauberes Schwämmchen

Versiegelungsflüssigkeit auf ein sauberes Schwämmchen

Versiegelt werden müssen nur die Stellen des Leders, die künftig berührt oder „mit Füssen getreten“ werden. Das Lenkrad beispielsweise braucht es bei uns nicht: Es ist aus Holz. Dafür die Sitzwangen, Türinnenverkleidungen, Abdeckung des Kardantunnels sowie die Oberseite des Armaturenbretts. Dafür wird die Versiegelungsflüssigkeit auf das – selbstverständlich mitgelieferte – Schwämmchen aufgetragen und die Stellen werden wieder nur betupft.

Vorgesehene Flächen betupfen

Vorgesehene Flächen betupfen

6. Schon wieder Pause – diesmal sogar 24 Stunden

7. Leder pflegen – Finish

Ledermilch sparsam aufs Pad aufbringen

Ledermilch sparsam aufs Pad aufbringen

Zum Abschluss kommen alle Lederteile in den Genuss der pflegenden Ledermilch! Flasche ordentlich schütteln, etwas Ledermilch auf das – Ihr erratet es! – mitgelierte Pad aufbringen und mit horizontalen und vertikalen Bewegungen hauchdünn auf dem Leder verteilen.

Ledermilch sparsam verteilen

Ledermilch sparsam verteilen

Sollten nach ca. 10 Minuten Streifen sichtbar werden, einfach mit einem Mikrofasertuch nachwischen.

Fertig – Operation gelungen, Patient lebt und sein wunderschönes erfrischtes Leder strahlt mit der Sonne um die Wette!

Die Scheuerstellen sind nahezu verschwunden

Die Scheuerstellen sind nahezu verschwunden

Die unschönen Abriebstellen sind nahezu vollständig verschwunden und das weiche Leder ist geschützt. Und das mit unseren zwei mal zwei linken Händen! Nachahmung unbedingt empfohlen – Näheres unter http://www.swizol.de/

Viel Spaß dabei!

Übrigens – wenn ihr keine Lust habt, es selbst zu machen, könnt ihr den Wagen auch bei Swissöl in Baierbrunn zur Behandlung abgeben.