„La Vie En Bleu – PRESCOTT SPEED HILL CLIMB“ – was für ein Titel! Und weshalb ist das Leben blau? Und was hat das „blaue Leben“ mit einem Motorsport-Event zu tun? Eigentlich ist alles ganz einfach: Jeder, der sich für klassische Automobile interessiert, der mehr Benzin als Alkohol im Blut hat, wird bei dem Titel nicht sofort an Saufgelage denken, sondern an einen französischen Automobilhersteller, dessen typische Farbe – anstelle von „Ferrari-Rot“ – „Bugatti-Blau“ ist.

Selten wird ein Automobil derart über nur eine Farbe identifiziert wie Bugatti. Auch nach der Wiederbelebung der Marke 1987 durch den Italiener Romano Artioli, der Anfang bis Mitte der 90er Jahre mit dem Bugatti EB 110 nicht nur einen Supersportwagen auf die Beine stellte, sondern den meisten Exemplaren auch die so typische blaue Farbe verpasste. Erst seitdem 1998 der Volkswagenkonzern die Geschicke von Bugatti übernahm und den Firmensitz von Italien wieder nach Molsheim verlegte, war es mit der Farbenpräferenz endgültig vorbei. „La vie en bleu“ gilt also jetzt vor allem nur noch für die Zeit der ruhmreichen Rennhistorie – lebt aber in den Herzen der treuen Anhängerschaft weiter.

Noch eine Dame im Bugatti - Louise Treutlein im Typ 35B

Die Bugatti waren in zwei Klassen unter sich

Warum nun aber Prescott und nicht Molsheim? Ganz einfach: weil dort der weltweit erste „Bugatti Owners` Club“ beheimatet ist. Gegründet wurde er 1929 – in der Blütezeit der Marke. Auf der Suche nach einem permanenten Zuhause wurde man 1937 im idyllischen Örtchen Prescott in der Grafschaft Gloucester fündig.

So fing es an - Prescott Ender der 30er Jahre

So fing es an – Prescott Ender der 30er Jahre – Foto Bugatti Owners Club

Bereits ein Jahr später startete dort das erste Bergrennen – gewonnen von Richard Shuttleworth, natürlich in einem Bugatti! 1960 wurde die Strecke erweitert und bietet jetzt einen kurzen sowie einen langen Parcours. Die lange Distanz misst 1.128 Yards.

Das Stecken-Layout

Das Stecken-Layout

Der Rundenrekord liegt bei unglaublichen 35,51 Sekunden. Heute ist in Prescott zwei Mal pro Jahr die „British Hill Climb Championship“ (BHHC) zu Gast – eine Rennserie, die 1947 ins Leben gerufen wurde.

Stuart Webster - General Manager des Veranstalters

Stuart Webster – General Manager des Veranstalters

Der Bugatti Owners` Club in Prescott hat mittlerweile stolze 2.100 Mitglieder, von denen allerdings nur 10% selbst einen Bugatti besitzen. Alle anderen sind schlichtweg Fans der Marke und Auto-Enthusiasten. Viele von ihnen sahen wir am 23. und 24. Mai dieses Jahres an der Rennstrecke, als vom Club wieder ein Rennwochenende organisiert wurde.

So langweilig war das Renngeschehen bestimmt nicht

So langweilig war das Renngeschehen bestimmt nicht

Sie engagieren sich u.a. als freiwillige Marshalls, um die Veranstaltung reibungslos über die Bühne gehen zu lassen.

Rich Goodwins Airshow - Höhepunkt der Mittagspause

Rich Goodwins Airshow – Höhepunkt der Mittagspause

Neben den Rennen gab es wieder ein umfangreiches Rahmenprogramm, dessen Höhepunkt sicher die Flugeinlage von Rich Goldwin mit seinem Doppeldecker darstellte.

Streetfighter mit Turbinen Power

Streetfighter mit Turbinen Power

Aber auch Zef Eisenberg mit dem weltweit schnellsten „Streetfighter-Motorrad“ sorgte für erstaunte und bewundernde Blicke – vor allem ob der nahezu authentischen Düsenjet-Geräusche und des „Fake“-Qualmeffektes! Sein straßenzugelassenes Bike wird tatsächlich von einer Rolls Royce Flugzeugturbine angetrieben. Natürlich bekamen die Zuschauer auch moderne Produktpräsentationen auf der Strecke zu sehen – vom BMW i8 bis zum Bugatti Veyron.

Er fuhr nur Demorunden - Bugatti Veyron

Er fuhr nur Demorunden – Bugatti Veyron

Und ringsum auf dem hügeligen Gelände zahlreiche Show-Acts, die mit Motorsport im engeren Sinne nichts zu tun hatten: Pantomimen, Künstler auf Stelzen, Can Can-Tänzerinnen und Gesangseinlagen.

Auch sie verfolgten gebannt die Flugshow

Auch sie verfolgten gebannt die Flugshow

Ruhe vor dem Start

Ruhe vor dem Start

Und in erster Linie jede Menge Rennsport: Am Samstag wurde in 13 Klassen gestartet, am Sonntag in 14.

Ungleiches Paar bei den Startvorbereitungen

Ungleiches Paar bei den Startvorbereitungen

Anstellen zum Start

Anstellen zum Start

Die Regeln waren denkbar einfach: nach Startfreigabe losfahren und so schnell wie möglich das Ziel erreichen.

Ordnung muss sein - es kommt beim Start auf jeden Zentimeter an

Ordnung muss sein – es kommt beim Start auf jeden Zentimeter an

Jeder Teilnehmer hatte zwei Läufe, deren schnellster in die Wertung kam. In manchen Klassen gab es sogenannte Handicap-Wertungen.

Keiner der Fahrer bei den Lotus Racing Cars erreichte seine Handycap-Zeit

Keiner der Fahrer bei den Lotus Racing Cars erreichte seine Handycap-Zeit

Hier wurden – analog zum Golfspiel – die in Prescott erzielten Zeiten der letzten drei Jahre gemittelt und als „Handicap“ vorgegeben.

Gewonnen hat also derjenige, der diese Richtzeit in dem besten seiner zwei Läufe am deutlichsten unterbot oder mindestens am nächsten an der Vorgabezeit dran war. Natürlich spielte auch das Wetter eine Rolle – und das hatte es in sich.

Ein Piccard-Pictet im Sauwetter

Ein Piccard-Pictet im Sauwetter

Gut 16 Liter Hubraum - nicht Verbrauch Richard Scaldwell im Lorraine Dietrich

Gut 16 Liter Hubraum – nicht Verbrauch Richard Scaldwell im Lorraine Dietrich

Von strahlender Sonne bis zu heftigen Regenschauern wurde alles geboten. Dass es dennoch für alle Teilnehmer fair zuging, lag auch daran, dass die Zeitabstände, in denen sie ins Rennen geschickt wurden, sehr kurz waren: ca. 30 Sekunden.

Das Hubraum-Monster am Start

Das Hubraum-Monster am Start

Also fuhren alle Piloten innerhalb einer Klasse zumindest unter ähnlichen Bedingungen. Und wenn einer der beiden Läufe – sei es wetterbedingt oder durch einen Ausflug ins Kiesbett – daneben ging, blieb ja noch der zweite.

John Earle March wurde Klassensieger bei den Vorkriegswagen bis 4 Liter

John Earle March wurde Klassensieger bei den Vorkriegswagen bis 4 Liter

So gesehen bei den „Pre War Cars über 4 Liter Hubraum“, bei denen Tom Walker mit großem Abstand gewann, obwohl sein zweiter Lauf nicht in die Wertung kam.

Insgesamt gestalteten sich die Fahrzeugklassen sehr unterschiedlich: Die Klasse 1, die am Samstag den Reigen eröffnete, bestand aus Mitgliedern des Bugatti Owners` Club. Ein Bugatti war allerdings nicht am Start. Die fuhren am Sonntag in zwei eigenen Klassen: bis 1.500 ccm sowie in einer Klasse ohne Hubraumbeschränkung, dafür aber mit Handicap. Die Autos der Mitglieder wurden bunt gemischt – sowohl bezogen auf den Hubraum als auch das Alter der Fahrzeuge.

Nicht ganz serienmäßig aber Sieger bei den BOC Members

Nicht ganz serienmäßig aber Sieger bei den BOC Members

So traf ein Renault 4 CV aus dem Jahr 1956 schon mal auf eine Lotus Elise aus dem Jahr 2000.

Im Handycap-Rennen nicht auf dem Treppchen Graham Parker auf Lotus Elise

Im Handycap-Rennen nicht auf dem Treppchen Graham Parker auf Lotus Elise

Aber wofür gibt es Handicaps… und so ließ Christopher Williams mit seinem 4 CV das komplette Feld der 18 Teilnehmer hinter sich und gewann mit 3,9 Sekunden unter Handicap – wobei wir der Fairness halber erwähnen sollten, dass an diesem Renault außer formalen Ähnlichkeiten so gut wie nichts original war.

Sauschnell - der Renault 4 CV in einer 58er Runde

Sauschnell – der Renault 4 CV in einer 58er Runde

Dr. Zara Bullock im Austin Healey 3000 Mk2

Dr. Zara Bullock im Austin Healey 3000 Mk2

Der Austin 7 Single Seater von hinten

Der Austin 7 Single Seater von hinten

Anthony Attwood scheucht seinen Dino 308GT4

Anthony Attwood scheucht seinen Dino 308GT4

Einer von 8 teilnehmenden Allard

Einer von 8 teilnehmenden Allard

Lotus 7 hinter Bäumen

Lotus 7 hinter Bäumen

Ansonsten gaben sich zahlreiche Markenclubs die Ehre: TVR, MG,

Das älteste Auto der Klasse 3 A - MG Car Club pre 1966 - ein 1934 MG PA

Das älteste Auto der Klasse 3 A – MG Car Club pre 1966 – ein 1934 MG PA

Ken Lewis blieb mit 48,63 Sekunden fast 2 Sekunden über Handycap

Ken Lewis blieb mit 48,63 Sekunden fast 2 Sekunden über Handycap

Lotus, Allard, Vorkriegs-Austin 7, Ferrari, Aston Martin, Morgan Threewheeler und natürlich Bugatti.

Der schnellste Threewheeler - Hamish Bibby im Morgan Racing JAP

Der schnellste Threewheeler – Hamish Bibby im Morgan Racing JAP

Sarah Owen im Bugatti T13

Sarah Owen im Bugatti T13

Und es wetteiferten gemischte Klassen wie „The Classic Marques Championship“ mit Ginetta, TVR, Lotus, Jaguar E-Types, Sunbeam Tiger, Austin Healey, Alfa Giulia Coupé oder Marcos Mantis –

Lawrence Alexander auf Alfa Romeo Giulia Coupé

Lawrence Alexander auf Alfa Romeo Giulia Coupé

aber auch neueren Typen wie einem Mazda MX-5 oder Honda S2000 GT. Für alle Sportwagen-Liebhaber war etwas dabei. Übrigens siegte in dieser Klasse Geoff Stallard in einem TVR Vixen.

Benjamin Cooke im 29er Riley Brooklands

Benjamin Cooke im 29er Riley Brooklands

Am Sonntag kamen die Liebhaber von Vorkriegs-Sportwagen voll auf ihre Kosten. Gleich in den ersten fünf Klassen traten sie gegeneinander an: bis 1.100 ccm; bis 1.500 ccm; bis 2 Liter; bis 4 Liter und über 4 Liter Hubraum. In der letzten Kategorie hatte schon der kleinste Motor mehr als 8 Liter Hubraum.

16 Liter Hubraum beim Lorraine Dietrich von Richard Scaldwell

16 Liter Hubraum beim Lorraine Dietrich von Richard Scaldwell

Motor auf Rädern - der Darracq 200 hp mit mehr als 25 Litern Hubraum

Motor auf Rädern – der Darracq 200 hp mit mehr als 25 Litern Hubraum

Den „Hubraum-Vogel“ schoss jedoch mit mehr als 25 Litern (!) der Darracq 200hp ab. Der Wagen besteht praktisch nur aus Motor, geholfen hat es ihm allerdings nicht. Gewonnen hat Tom Walker in seinem Amilcar Hispano mit zwar „nur“ gut 11 Litern Hubraum, aber mit seinem Baujahr von 1930 das mit Abstand jüngste Auto im Feld.

Der Filmstar auf der Strecke

Der Filmstar auf der Strecke

In Klasse 6 duellierten sich Limousinen und Sport Coupés bis 1972er Baujahr. Für besonderes Aufsehen sorgte hier eine schwarze „Renn-Ente“ – nein, kein 2 CV6 mit 29 PS, sondern eine „echte Renn-Ente“ mit BMW-Motor. Der Wagen mit bekannter Hollywood-Vergangenheit spielte im Film „RED 2“ an der Seite von Stars wie Bruce Willis, Helen Mirren und John Malkovich.

Trotz Abwegen zum Klassensieg - Anthony Ward brillierte in beiden Läufen

Trotz Abwegen zum Klassensieg – Anthony Ward brillierte in beiden Läufen

Mit Pete Sparrow am Lenkrad erreichte er in Prescott immerhin den dritten Platz. Nicht zu schlagen war heuer der BMW 2002 Tii von Anthony Ward, der David Wheeler in seinem Renault 8 Gordini deutlich hinter sich ließ.
Deutsche Fabrikate machten sich rar im Feld der Oldtimer und Sportwagen. Wo sie auftauchten, schlugen sie sich allerdings beachtlich – Anthony Ward in seinem BMW 2002 Tii haben wir schon erwähnt.

Von der Konkurrenz nicht zu halten - Martyn Curley im Porsche 911

Von der Konkurrenz nicht zu halten – Martyn Curley im Porsche 911

Insbesondere der Porsche 911, der in den Sportwagenklassen „Vor 1972 “ und „Nach 1972“ vertreten war, soll hier genannt werden. In der Klasse vor 1972 gewann Martyn Curley mit seinem 911er vor dem schwächsten Wagen im Feld, einem MG Midget mit 1.330 ccm. Der ließ allerdings so potente Zeitgenossen wie einen Jaguar E-Type oder Austin Healey hinter sich. In der Sportwagenklasse nach 1972 reichte es zum zweiten Platz für den 911er von Peter Turnbull, der sich einem Morgan Plus 8 geschlagen geben musste.

Sieger mit wenigen Hundertsteln - Mike Meredith im Morgan Plus 8

Sieger mit wenigen Hundertsteln – Mike Meredith im Morgan Plus 8

Dies war eindeutig das spannendste Duell, das Mike Meredith mit 4 hundertstel Sekunden im ersten und 7 hundertstel im zweiten Rennen für sich entschied. So knapp ging es in keiner anderen Klasse zu.

Der Schnellste war nicht der Sieger - Terry Davis fuhr zwei 41er Runden

Der Schnellste war nicht der Sieger – Terry Davis fuhr zwei 41er Runden

Die mit Abstand schnellsten Wagen im Teilnehmerfeld waren am Sonntag in der „BOC Members Racing Car Handicap-Klasse“ am Start, der Gruppe der klassischen einsitzigen Rennwagen. Ihr Schnellster: Martin Jones in einem Brabham BT21C-Ford mit zwei 41er Zeiten. Für das „Stockerl“ langte es aber trotzdem nicht, dafür sorgte sein Handicap von 40,15 Sekunden. So musste er Bob Colbourne mit seinem winzigen 600 ccm Jedi Mk2-Suzuki und einer Vorgabe von genau 60 Sekunden den Vortritt lassen, obwohl er ihn um knapp 10 Sekunden unterbot.

Der Honda S2000 GT im Kiesbett

Der Honda S2000 GT im Kiesbett

Zum zweiten Lauf konnte er wieder antreten

Zum zweiten Lauf konnte er wieder antreten

Das Thema „Pleiten, Pech und Pannen“ gab es natürlich auch. Aber alle Ausflüge in die Natur, das rettende Kiesbett oder die Fangzäune liefen zum Glück glimpflich ab. Ernste Verletzungen erlitt unter den Piloten niemand, und die meisten von ihnen konnten unter dem Jubel der 5.000 Zuschauer noch aus eigener Kraft wieder zurück in die Box fahren.

TVR auf Abwegen

TVR auf Abwegen

Er konnte wieder flottgemacht werden

Er konnte wieder flottgemacht werden

Wir sahen – wie immer – Rennsport aus nächster Nähe und zum Anfassen. Alle großen und kleinen Zuschauer wurden bestens unterhalten; sie konnten in jede Box respektive zu jedem Standplatz gehen und die Boliden hautnah bestaunen.

Ein Fest für die Zuschauer - MG neben Aston Martin

Ein Fest für die Zuschauer – MG neben Aston Martin

Und die Teilnehmer hatten wieder einmal die Gelegenheit, ihre Motorsport-Leidenschaft zu leben – auf welchem Niveau und in welcher Klasse auch immer. Noch nie vorher sahen wir eine so bunte Palette der unterschiedlichsten Automobile in einem gemeinsamen Sport-Wettbewerb. Klasse? Egal; Leistung? Egal! Was allein zählte, war Leidenschaft – war der reine Spaß am Motorsport. Bejubelt wurde letztlich jeder… Und das in Prescott seit 77 Jahren so wie an zahlreichen anderen Hill Climb-Rennstrecken auf der britischen Insel, dem Mekka dieses Motorsports. Der Chronistenpflicht muss natürlich auch noch Genüge getan werden. Deshalb hier die Sieger der einzelnen Klassen:

Die Sieger in Prescott

Die Sieger in Prescott