Frühe Porsche 356 Coupe und Cabriolet

Frühe Porsche 356 Coupe und Cabriolet

Hamburg ist die schönste Stadt der Welt! Unbestritten zumindest für die meisten Einwohner, zu denen natürlich auch wir gehören. Deshalb erscheint fast unverständlich, dass Hamburg in Bezug auf seine Besucherzahlen noch immer deutlich hinter London, Paris oder anderen eher unbedeutenden Metropolen lediglich auf Platz 10 der europäischen Rangliste liegt. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn dadurch ist Hamburg nicht so überlaufen und die Besucher können sich ganz in Ruhe den zahlreichen Sehenswürdigkeiten widmen.

Eines der ersten Ziele – nein, nicht die Reeperbahn, aber ganz in der Nähe – ist der Hafen mit der gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Lagerhauskomplex auf Pfählen errichteten historischen Speicherstadt. Noch heute zeugen die Winden an den alten Giebeln von der Nutzung als Lager der zahlreichen Handelsgüter, die aus aller Welt kommend dort auf ihren Weiterverkauf warteten. Wobei wir die Vergangenheitsform ruhig weglassen können. Wenn man heute an den charakteristischen roten, einfallsreich gegliederten und meisterhaft gemauerten Backsteinfassaden entlangschlendert, zeugen die Gerüche von Gewürzen und Kaffee immer noch von einer aktuellen Nutzung als Lagerflache. Außerdem gilt die Speicherstadt weltweit auch im Jahr 2014 als der größte Umschlagplatz für Orientteppiche.

Was aber sucht der geneigte Freund klassischer Automobile an diesem so geschichtsträchtigen Ort? Zunächst einmal schickt er seine Gattin ins Tee- oder Gewürzmuseum, seine Kinder ins Eisenbahn-Miniaturwunderland oder gar in den Hamburg Dungeon, wo die Geschichte der Hansestadt stellenweise so bluttriefend plastisch dargestellt wird, dass die Sprösslinge sie nicht wieder vergessen werden. Der Oldtimer-Liebhaber selbst geht natürlich in die Shanghaiallee, lässt das Maritime Museum auf der rechten Seite „links“ liegen und pilgert – endlich das richtige Wort – zum Automuseum Prototyp, dem benzingeschwängerten Highlight der Speicherstadt.

Hinter der klassischen, 1904 erbauten und inzwischen denkmalgeschützten Klinkerfassade wurden früher Kautschuk gekocht und Kunstdrucke gefertigt, bevor im Jahr 2004 Thomas König und Oliver Schmidt das Gebäude erstanden, vier Jahre lang umbauten, liebevoll sowie fachkundig renovierten und damit zum ultimativen Treffpunkt für Autonarren aus aller Welt gestalteten.

Liebevolle Details

Dabei entstammen Thomas und Oliver nicht etwa milliardenschweren Dynastien, die ihr Erbe in eine Liebhaber-Sammlung einbringen könnten. Die Beiden sind schlichtweg autoverrückte Freunde, die irgendwann begannen, alte Autos zu sammeln, an ihnen zu schrauben und gerne Garagenfeten feierten. Darüber hinaus entwickelten Sie den Mut nebst unternehmerischem Drive, erhebliche Kredite aufzunehmen und damit – und mit handanlegender tatkräftiger Unterstützung etlicher gleichgesinnter Freunde – ihre Vision eines ganz besonderen Automobilmuseums in die Tat umzusetzen. Vorher standen nämlich ihre alten Autos in verschiedenen kleinen Hallen oder privaten Garagen. Mit dem Erwerb des großen alten Gebäudes in der Hafencity fanden ihre Schätzchen endlich ein passendes Zuhause, wo sie während der langwierigen Sanierungsarbeiten – lediglich durch Bauplanen geschützt – auf ihren neuen, staubfreien Standplatz warten mussten.

VW-Papler Polizeikäfer aus dem Jahr 1951

VW-Papler Polizeikäfer aus dem Jahr 1951

Im April des Jahres 2008 besuchten anlässlich der in Hamburg traditionellen „Langen Nacht der Museen“ trotzdem schon einmal ca. 800 Gäste die Räume in der Großbaustelle Hafen City. 2014 ist nun vom einstigen Provisorium nichts mehr zu sehen. Was wir dort finden, lässt auf jeden Fall das Herz eines jeden Automobilisten vor Freude hüpfen. Denn Thomas und Oliver haben eine bislang einzigartige Sammlung zusammengetragen, die regelmäßig durch Sonderausstellungen erweitert wird. So war zum 50. Jubiläum des Porsche 911 bis zum 16. März eine phantasievolle Ausstellung mit zahlreichen persönlichen Leihgaben zu bewundern.

Sonderausstellung 50 Jahre 911

Am 12. April – wieder pünktlich zur „Langen Nacht der Museen“ – startet die neue Sonderausstellung „STEEL-IKONEN“ mit Fotografien von F.C. Gundlach. Gezeigt werden Arbeiten des international renommierten, hanseatischen Modefotografen, in denen Automobile „nur“ eine Statistenrolle spielen. Gleichwohl müssen sich die abgelichteten Mannequins schon „heftig ins Zeug legen“, um der Schönheit der eleganten Karosserien und der Faszination der Rennwagen Paroli bieten zu können. Das Automuseum würde seinen Prinzipien untreu werden, wenn diese Fotografien dort nicht in wirkungsvoller Szene mit realen Klassikern erschienen…

Porsche Typ 64 "Berlin-Rom-Wagen"

Porsche Typ 64 „Berlin-Rom-Wagen“

Unabhängig von den jeweiligen Sonderveranstaltungen entführt ein „normaler“ Rundgang auf einer Fläche von rund 2.500 Quadratmetern den geneigten Besucher in die faszinierende Welt automobiler Kulturgüter. Dabei überraschen und beeindrucken beileibe nicht nur die teilweise auf der Welt einmaligen Exponate wie der Porsche Typ 64 „Berlin-Rom-Wagen“ aus dem Jahr 1939. Anlass für dessen Entwicklung war die für den Herbst geplante Fernfahrt „Berlin – Rom“, die jedoch der Kriegsausbruch am 1. September 1939 verhinderte. Stattdessen wurde das Automobil von Ferdinand Porsche als Kurierfahrzeug benutzt, wovon dessen – im Krieg üblichen – Tarnscheinwerfer noch heute Zeugnis ablegen.

Porsche Typ 64 beim Stadtpark Revival 2013

Porsche Typ 64 beim Stadtpark Revival 2013

Zehn Jahre später ging dieses besondere Unikat in den Besitz des österreichischen Rennfahrers Otto Mathé über und wurde bis 1951 in Rennen gefahren, u.a. beim Alpencup 1950, wo es in seiner Klasse sogar als Sieger auf dem Treppchen stand. Wie die meisten der ausgestellten Fahrzeuge wird auch der Berlin-Rom-Wagen immer noch regelmäßig bewegt – zuletzt gesehen beim Stadtpark-Revival 2013 in Hamburg.

Der Nachlass von Otto Mathé

Der Nachlass von Otto Mathé

Der Nachlass von Otto Mathé bildet ohnehin einen der Schwerpunkte der Sammlung. Und oft sind es auch die kleinen Geschichten, die den Reiz ausmachen, sich mit einem Exponat mehr als oberflächlich zu beschäftigen. Zum Beispiel wurde der eher skurril anmutende Mathé „Fetzenflieger“ vom Österreicher entwickelt, damit der Driver – trotz seines nach einem Rennunfall amputierten rechten Armes – überhaupt weiter Rennen fahren konnte. So schaltete er mit links und führte mit dem Brustkorb das Lenkrad – bei den gefahrenen Geschwindigkeiten eine Wahnsinns-Aktion.

Petermax Müller Weltrekordwagen von 1949

Petermax Müller Weltrekordwagen von 1949

Alle Höhepunkte dieses außergewöhnlichen Museums aufzuführen, würde den Rahmen eines Blogs bei weitem sprengen. Dennoch möchten wir den Lesern den Peter Max Müller Weltrekordwagen ans Herz legen, oder den Prototyp des Audi LMP1

Prototyp des Audi R8R LMP 1

Prototyp des Audi R8R LMP 1

oder die ersten „Dienstfahrzeuge“ von Michael Schuhmacher und Sebastian Vettel in der Formel 1… oder… oder…

Dienstwagen von Michael Schumacher

Der erste Dienstwagen von Michael Schumacher in der Formel 1

Erlebnishungrige können übrigens sogar in einem 356er Porsche – Fahrsimulator eine Rennstrecke befahren, Kinder alte Spielzeug-Modellautos bestaunen,

Sammlung seltener Modellautos

Sammlung seltener Modellautos

 Ampel auf grün - volle Beschleunigung im Fahrsimulator

Ampel auf grün – volle Beschleunigung im Fahrsimulator

Technikfreaks die Restaurierungsarbeiten in der „Gläsernen Werkstatt“ kommentieren

In der Gläsernen Werkstatt wartet Arbeit

In der „Gläsernen Werkstatt“ wartet Arbeit

oder anhand eines Holzmodells als Vorlage der Karosserie des Auto Union Typ C erahnen, wie früher die Karosserie eines Rennwagens gefertigt wurde.

Holzmodell des Auto Union Typ C

Holzmodell des Auto Union Typ C

Aerodynamiker werden sich am kleinen Modell eines Windkanals ebenso erfreuen wie Historiker an der Dauerausstellung über das Leben von Wolfgang Graf Berghe von Trips.

Strömungsversuche im Windkanal

Strömungsversuche im Windkanal

Dauerausstellung über Graf Berghe von Trips

Dauerausstellung über Graf Berghe von Trips

Für Jeden Besucher ist also etwas dabei… sogar für weibliche Blickwinkel – was unter anderem Büro-Möblierung, Design von Rennanzügen, funktionelle Sonnenbrillen oder markante Männergesichter betrifft…

Das elegante Borgward Hansa 1500 Sportcoupé von 1954

Das elegante Borgward Hansa 1500 Sportcoupé von 1954

Stunden später – die Partnerin und die Sprösslinge haben längst alle Ecken der Speicherstadt abgegrast und begonnen, nach Ihnen zu suchen – können Sie Ihre Lieben ja ins Café & Bistro „Erlkönig“ einladen. Denn dann bleiben Ihnen bis zum Eintreffen noch ein paar Minuten, um Ihrem Lieblingsauto – vielleicht dem eleganten Borgward Hansa 1500 Sportcoupé – Handfläche über dem Kotflügel schwebend ganz nah zu sein, ohne Kordel oder sonstige Absperrvorrichtungen. Oder Sie setzten sich für Ihre private Recherche noch einmal schnell an eines der Terminals in der interaktiven Bibliothek – bis die nächste SMS kommt, wo Sie denn stecken… Der Kaffee werde kalt…