Von allen Seiten eine Augenweide

Von allen Seiten eine Augenweide

Einmal Tazio Nuvolari sein – Fahrbericht über einen einmaligen BMW 319 Spezial. Einmal fühlen wie der unvergleichliche Tazio Nuvolari, der 1935 auf dem Nürburgring den großen Preis von Deutschland gewann – übrigens vor Hans Stuck… Aber eigentlich passt der Vergleich mit Carlo Maria Pintacuda besser. Der hatte in einem Alfa Romeo 8C 2900 B im gleichen Jahr die Mille Miglia für sich entscheiden können – vor 16 weiteren Alfa Romeo. Die Mille Miglia bietet sich sowieso zur Betrachtung an, weil sie auf öffentlichen Straßen ausgetragen wird. Und darauf waren wir ebenfalls mit dem BMW unterwegs.

Der Borgward Hansa RS auf Schloss Bensberg

Der Borgward Hansa RS auf Schloss Bensberg

Doch weshalb 1935? Ganz einfach, weil der Ursprung des 319 Spezial im Jahr 1935 zu finden ist. Damals wurde er gebaut und sah völlig anders aus als der Renner, den wir pilotieren durften. „Unser“ Bolide erinnerte eher an den 1956er Borgward Hansa RS, den wir 2014 beim „Concours D‘ Élégance“ auf Schloss Bensberg entdeckt hatten. Ein reinrassiger Rennwagen, der auch schon in Le Mans und am Nürburgring sehr erfolgreich startete. Mit einer Karosserie aus blankem Aluminium, das uns einladend in der Vormittagssonne anfunkelte.

Erste Einweisung durch Klaus Dost

Erste Einweisung durch Klaus Dost

Wie aus dem 319 ein Rennwagen wurde, ist eine lange Geschichte. Doch wir werden versuchen, uns kurz zu fassen: Der BMW 319 war ursprünglich ein etwas hochbeinig wirkender Roadster mit einer 1,9 Liter-Maschine und 55 PS. Ein BMW 328, der 1937 auf den Markt kam, brachte es immerhin auf 80 PS. Grund genug, unser Exemplar im Jahr 1940 auf die 328er Technik umzubauen. Danach war es jahrzehntelang still um unseren BMW 319, bis er 1997 von Ulrich Weinberg in erbarmungswürdigem Zustand wieder entdeckt und erworben wurde. Ulrich betreibt in Zetel einen Oldtimer Restaurationsbetrieb, in dem er auch Original-Teile nachfertigt sowie Designarbeiten anbietet. Leider reichte die Substanz des „Scheunenfundes“ für eine originalgetreue Wiederherstellung nicht aus.

Liebevolle Details am BMW 319 Spezial

Da er jedoch selbst ein Auto suchte, mit dem er Spaß haben und an diversen Oldtimer-Veranstaltungen teilnehmen wollte, machte Weinberg sich ans Werk, sein Traumauto zu entwerfen und zu bauen. Basis war dabei das alte Chassis, auf das er zunächst einen filigranen Gitterrohrrahmen setzte. Seine Karosserieform hat keine realen Vorbilder, weckt aber sehr starke Assoziationen von Rennwagen der frühen Nachkriegsära wie den bereits erwähnten Borgward Hansa RS. Der BMW 328-Motor des Wagens wurde allerdings für die geplanten Einsätze als zu schwächlich eingestuft und durch kräftigere Maschinen ersetzt.

Die Maschine steht gut im Futter

Die Maschine steht gut im Futter

Aktuell ist ein 2,4 Liter GM-Motor verbaut, der zwischen 180 und 200 PS leistet und erst 1.500 Kilometer auf dem Buckel hatte. Das 5-Gang-Getriebe stammt von Getrag, das Differenzial aus einem BMW 507. Wie es sich für einen alten Rennwagen gehört, wird er von belüfteten Trommelbremsen verzögert, deren Bremsdruck einstellbar ist. Das Gewicht dürfte bei ca. 700 Kg liegen.

1999 wurde das Unikat fertig. Ulrich Weinberg fuhr damit seitdem 50.000 Kilometer ohne Probleme und nahm an zahlreichen Oldtimer-Veranstaltungen teil, z.B. 7mal an den Eifel Classic Rennen, der „Trofeo Clásico Balear“ auf Mallorca und war natürlich auch beim Hamburger Stadtpark Revival zu bestaunen.

Eingefädelt - jetzt das Lenkrad wieder aufstecken

Eingefädelt – jetzt das Lenkrad wieder aufstecken

Aber dies soll ja ein Fahrbericht werden… Klaus Dost vom bekannten Hamburger Klassiker-Händler „Mirbach & Dost“ hatte den Wagen für uns schon vorbereitet und aus der Tiefgarage gefahren. Der Einstieg in ein Fahrzeug ohne Türen ist für einen 194 Zentimeter langen Menschen wie mich etwas gewöhnungsbedürftig. Aber, wie es sich für einen anständigen Rennwagen gehört, lässt sich das Lenkrad abnehmen. Dann aufs Heck setzen, eine kurze Drehung und runtergleiten in den puristischen, immerhin lederbezogenen Fahrersitz – knapp über dem Fahrzeugboden. Jetzt gilt es, die Füße mit Schuhgröße 47 auf den Pedalen zu sortieren. Der Fußraum ist überschaubar, deshalb sind zumindest schmal geschnittene Schuhe von Vorteil. Lenkrad wieder aufstecken und arretieren. Drin.

Kontrolle des Tankinhalts

Kontrolle des Tankinhalts

Ach ja – die Frage nach dem Benzinvorrat musste vorab noch geklärt werden. Eine Tankuhr gibt es nicht. Dafür aber einen Peilstab, der wie der Ölpeilstab funktioniert und – gereinigt – wieder in den Tank eingeführt wird. Halbvoll, das reicht. Der Tank fasst 80 Liter.

Gleich kann es losgehen

Gleich kann es losgehen

Endlich kann die Startprozedur anlaufen. Zuerst den Not-Aus-Schalter für die Elektrik ziehen – Zündschlüssel ins Schloss, das links an der Lenksäule sitzt – Schlüssel drehen. Benzinpumpe einschalten, und sofort ertönt das laut schnarrende Geräusch der Pumpe, die den Kraftstoff zum Motor befördert. Das braucht zu Beginn ein paar Sekunden. Dann den Anlasserknopf drücken und warten, bis der Motor aus seiner Lethargie erwacht. Er schüttelt sich etwas, als er seinen Dienst aufnimmt und produziert auch ein paar Fehlzündungen.

Der Schalldämpfer passt zu einem Rennwagen

Der Schalldämpfer passt zu einem Rennwagen

Die Edelstahl-Auspuffanlage filtert übrigens nicht wirklich viel… Aber es handelt sich ja schließlich um einen Rennwagen – wenn auch mit Straßenzulassung.

Im Blickfeld des Fahrers befinden sich die Rundinstrumente für den Motorstatus: Öltemperatur, Öldruck, Wassertemperatur, rechts daneben ein großer Drehzahlmesser.

Die Instrumentierung ist vollständig - das Lenkrad abnehmbar

Die Instrumentierung ist vollständig – das Lenkrad abnehmbar

Für eine Geschwindigkeitskontrolle muss der Pilot allerdings in den Fußraum schauen, wo der Tacho montiert ist. Denn die Geschwindigkeit ist auf der Rennstrecke ohnehin von nachrangiger Bedeutung… Los geht’s! Die Kupplung hat einen klar definierten, relativ hoch angesiedelten Druckpunkt; die H-Schaltung gleitet präzise und auf kurzen Wegen.

Die imposante Heckansicht

Die imposante Heckansicht

Der schimmernde Wagen mit seiner blanken Aluminiumhaut und seinem laut röhrenden, je nach Drehzahl zwischendrin kreischenden Antriebsaggregat – verbunden mit der einen oder anderen Fehlzündung – erregt in der Stadt erhebliches Aufsehen! Also raus aufs Land, einsame Pfade suchen. Hier fühlt er sich sichtlich wohler. Nachdem der Motor die optimale Betriebstemperatur erreicht hat, schalten wir den Elektrolüfter zu. Damit er thermisch nicht überfordert wird, wenn die Drehzahlen etwas höher geraten.

Der Bolide hat einen „zeitgenössischen“ Geradeauslauf, der leichte Korrekturen durch die sehr direkte Lenkung erfordert. Die Bremsen brauchen stramme Waden, während die Kupplung erfreulich leichtgängig ist. Ansonsten fährt sich der 319 Spezial erstaunlich präzise und unkapriziös. Die leichte Beherrschbarkeit – selbst in den Kurven – liegt auch an der nicht ganz so originalgetreuen 205er Bereifung.

Auch meine Frau hatte ihren Spaß

Auch meine Frau hatte ihren Spaß

Nachdem wir ein einsames Waldsträßchen für ein paar Aufnahmen gefunden haben, folgt ein Fahrer(innen)-Wechsel. Auch meine Frau, die alle Autos bei den Shootings fährt, kommt mit dem Renner gut zurecht – bis hin zu den unvermeidlichen Wendemanövern. Die Lenkung ist nicht zu schwergängig. Wieviel Spaß sie bei der „Arbeit“ hat, zeigt das Dauergrinsen, das sie bei jeder Vorbeifahrt zeigt und das immer breiter wird…

Der Gesichtsausdruck meiner Frau spricht Bände

Der Gesichtsausdruck meiner Frau spricht Bände

Zurück geht’s ein kurzes Stück über die Autobahn. Schließlich wollen wir auch in etwas höhere Geschwindigkeitsregionen vorstoßen. Die Höchstgeschwindigkeit ist mit 230 km/h angegeben. Gemessen haben wir das nicht, aber der Wert ist glaubhaft. Der Wagen ist einfach gut motorisiert.

Es ist schon erstaunlich, wie authentisch sich das Auto anfühlt – schließlich handelt es sich um eine Neuinterpretation des Themas „Alter Rennwagen“. Auch was den Komfort angeht. Die schmal geschnittenen Sitzschalen mit den dünnen Lederbezügen sind keine Komfortwunder; und der mittig montierte Feuerlöscher zeigt mir auf, dass ich nicht ganz schmal gebaut bin.

Der Innenraum ist zweckmäßig ausgestattet

Der Innenraum ist zweckmäßig ausgestattet

Aber Tazio Nuvolari und Carlo Maria Pintacuda hatten es schließlich auch nicht bequemer und haben in ihren Rennen viele Stunden auf solchen Sitzen ausgehalten. Die Siegerzeit bei der Mille Miglia 1935 lag übrigens bei 14 Stunden, 4 Minuten und 47 Sekunden!

Er fährt sich problemlos - auch rückwärts

Er fährt sich problemlos – auch rückwärts

Zum Schluss noch ein kurzes Foto-Shooting auf dem Geländes des „Forum Altes Gaswerk“ in Hamburg, das mit seinen Backsteinfassaden und ausgestellten alten Maschinen gut zu diesem Auto passt. Dann mussten wir „unseren“ Boliden leider wieder zurückbringen.

Ein letztes Foto vor dem Hotel Gastwerk

Ein letztes Foto vor dem Hotel Gastwerk

Falls jemand Appetit auf dieses ungewöhnliche Unikat verspüren sollte: Auf der Homepage von Mirbach & Dost finden sich die Kontaktdaten. www.mirbach-dost.de