Monumente der Pracht gestern und heute

Monumente der Pracht gestern und heute

Die Bentley Boys waren schon eine Gruppe besonderer Menschen. Reich, unerschrocken, mit Benzin statt Blut in den Adern, donnerten sie sehr erfolgreich mit ihren Boliden über die Rennstrecken dieser Welt und prägten so wesentlich das sportliche Image der Marke. Unter anderem gingen mehrere Le Mans Siege auf das Konto dieser „Jungs“. Einer der Bentley Boys war Woolf Barnato.

Radierung Woolf Barnato von Bernd Lehmann

Radierung Woolf Barnato von Bernd Lehmann

Er wurde 1895 als Sohn von Barney Barnato geboren, der mit seinen Gold- und Diamantenminen in Südafrika ein beachtliches Vermögen von mehreren Millionen Pfund angehäuft hatte. Bereits im zarten Alter von zwei Jahren beerbte Woolf seinen Vater. Trotzdem studierte er in Cambridge und diente England im ersten Weltkrieg als Offizier.

Bentley Speed Six "Blue Train Coupé"

Bentley Speed Six „Blue Train Coupé“

Als Bentley in finanzielle Schwierigkeiten geriet, investierte er einen Teil seines Vermögens in das Unternehmen, wurde sogar Mehrheitseigner und übernahm den Vorstandsvorsitz. Neben dieser Tätigkeit fuhr er aber weiter Rennen und stellte u.a. 1925 auf der Rennstrecke von Montlhéry zusammen mit John Duff mit 152 km/h einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord über 24 Stunden auf. Außerdem siegte er in den 20er Jahren dreimal bei den 24 Stunden von Le Mans – drei Siege bei insgesamt nur drei Teilnahmen, ein bis heute unerreichter Rekord.

Der Arbeitsplatz sportlich - elegant

Der Arbeitsplatz sportlich – elegant

Im März des Jahres 1930 residierte Woolf Barnato einige Tage im Hotel Carlton in Cannes. Nach ein paar Drinks an der Bar kam die berühmte Wettleidenschaft der Briten zum Vorschein. Er wettete 100 Pfund darauf, dass er am Steuer seines Bentley von Cannes aus in seinem Club, dem Conservative Club in der St. James´ Street in London, eintreffen würde, bevor der Calais-Mediteranée Express – auch Blue Train genannt – Calais erreicht hätte. Als Beifahrer begleitete ihn dabei spontan der Amateurgolfer Dale Bourne.

Der Innenraum mit quer angeordnetem dritten Sitz

Der Innenraum mit quer angeordnetem dritten Sitz

Was für verrückte eine Wette – die Bentley-Eisenbahn-Wette! Die Chancen standen äußerst schlecht. Die Streckenlänge betrug schier unüberwindbare 1.020 Kilometer. Es gab keine Autobahnen, sondern nur staubige Landstraßen. Und der Ärmelkanal wollte auch noch überwunden werden. Das Wetter war gegen ihn. Zeitweilig regnete es in Strömen. Und wenn der Himmel ausnahmsweise mal seine Schleusen geschlossen hatte, behinderte dichter Nebel ein zügiges Fortkommen. Zu allem Übel hielt ihn auch noch eine Reifenpanne auf!

Die Heckpartie mit Kofferraum

Die Heckpartie mit Kofferraum

Nach 22 abenteuerlichen Stunden erreichte er den Club und bestellte sich schnell noch einen ersten Drink, bevor er sich nach dem Eintreffen des Zuges erkundigte. Der war noch nicht da und erreichte Calais auch erst vier Minuten später – als Woolf Barnato längst seinen Drink vor sich stehen hatte! Wette eindeutig gewonnen!

85 Jahre später wurde dieses Bentley Speed Six „Blue Train“ Coupé – ein Unikat, das sich heute im Besitz des amerikanischen Sammlers Bruce McCaw befindet – auf der Techno Classica 2015 präsentiert. Dabei bleibt jedoch zweifelhaft, ob es sich bei diesem Wagen, den Barnato selbst „Blue Train“ nannte, um das Original-Auto handelte, das die Wette gefahren war.

Technische Daten

Technische Daten

Das von Gurney Nutting gebaute zweitürige Coupé hätte mit seinem schnittigen Design sicher gut gepasst, doch leider wurde es erst im Mai desselben Jahres fertig gestellt. Woolf Barnato bestritt seine Fahrt wahrscheinlich in seiner viertürigen Speed Six Limousine mit Mulliner-Karosserie.

Langgestreckte Proportionen vs Coupéform

Langgestreckte Proportionen vs Coupéform

Von seinem Wettgewinn hatte Barnato selbst übrigens nicht viel. Eher im Gegenteil, denn wegen eines unerlaubten Rennens auf öffentlichen Straßen wurde ihm, beziehungsweise der Firma Bentley, ein Strafmandat über – umgerechnet – 200 Pfund aufgebrummt. Allerdings erst anschließend – bei dem Tempo hätte ihn sicher kein Polizeiwagen stoppen können!

Kunstvolle Intarsien als Erinnerung

Kunstvolle Intarsien als Erinnerung

Seinen Vorsprung von exakt vier Minuten nahm das heutige Management des Bentley-Stammwerkes in Crewe zum Anlass, auf der Techno Classica eine Limited Edition eines Bentley Mulsanne Speed „Blue Train“ zu präsentieren, ausgestattet von den Handwerksspezialisten bei Mulliner.

Der große Preis für vier Auserwählte

Der große Preis für vier Auserwählte

Von diesem besonderen Fahrzeug sollen exakt nur vier Exemplare produziert werden, deren Armaturenbrett – neben vielen weiteren exklusiven Ausstattungsdetails – eine meisterliche Intarsienarbeit ziert, die jenem Bentley Speed Six Coupé „Blue Train“ nachempfunden ist. Ein Preis wurde übrigens nicht genannt, denn die Wagen sind ohnehin bereits langjährigen treuen Kunden versprochen.

Ähnlich imposante Front beim neuen Blue Train-Modell

Ähnlich imposante Front beim neuen Blue Train-Modell