Erster Einsatz in einem Turnier - der Shooting Break aus dem Jahr 1900

Erster Einsatz in einem Turnier – der Shooting Break aus dem Jahr 1900

Concours in Celle – das CIAT. Die Wagentypen, die an dieser Oldtimer-Veranstaltung teilnahmen, hießen Grosvenor Phaeton, Break, Rally Cart, Deutscher Patentklappwagen, Road Coach, Spyder oder Shooting Break. Die Antriebsleistung: überschaubare 1 bis 4 PS. Dafür handelte es sich um echte Oldtimer. Der älteste wurde 1784 gebaut, der jüngste 1925. Ein Wagen im Retro-Design hatte sich dazwischen gemogelt – aus dem Jahr 2008 eine perfekte Interpretation des Themas „Road Coach“. Er blieb die Ausnahme.

Die einzige Retrokutsche - ein Road Coach aus dem Jahr 2008

Die einzige Retrokutsche – ein Road Coach aus dem Jahr 2008

Damit wären sie fast alle startberechtigt für den „London to Brighton Veteran Car Run“, wo nur vor 1905 erbaute Fahrzeuge zugelassen sind. Das erste Rennen 1896, organisiert von Henry John „Harry“ Lawson, wurde als „The Emancipation Run“ bekannt: ursprünglich die Feier begeisterter Automobilisten anlässlich der Aufhebung des „Locomotive Act“, der erzwungen hatte, dass Fahrzeuge nicht schneller als 4 mph (6.4 km/h) fahren durften (Quelle Wikipedia).

Fast schon ein Sportwagen - Tandem Dog Cart von 1920

Fast schon ein Sportwagen – Tandem Dog Cart von 1920

Unsere Teilnehmer mussten die 15 Kilometer Geländefahrt (Trial) sogar mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h bewältigen. Aber jetzt schön der Reihe nach…

Prachtkulisse für das Event - das Celler Schloss

Prachtkulisse für das Event – das Celler Schloss

Dieses besondere Event begann am Samstag, den 29. August um 14 Uhr mit einem „Concours d’Élégance“ vor dem Celler Schloss. Die mehr als 40 Teilnehmer aus sechs europäischen Ländern hatten ihre Wagen aufs Feinste herausgeputzt.

Nettes Detail aus dem Prä-Laserlicht-Zeitalter

Nettes Detail aus dem Prä-Laserlicht-Zeitalter

Fahrwerk mit Blattfedern und ledernen Bremsbacken

Fahrwerk mit Blattfedern und ledernen Bremsbacken

Kein Stäubchen war auf dem hochglänzenden Lack zu sehen. Alle Fahrer, Fahrerinnen und Passagiere trugen dem Alter der Fahrzeuge angepasste Garderobe.

Die Wertungsrichter schauen besonders kritisch

Die Wertungsrichter schauen besonders kritisch

Die gestrengen Wertungsrichter bewerteten in erster Linie die Originalität der Fahrzeuge, die Qualität der Restaurierung und die Garderobe bis zum letzten geschlossenen Knopf oder der Zylinder-Farbe.

Ein Dos à Dos von 1900 stellt sich der Jury

Ein Dos à Dos von 1900 stellt sich der Jury

Damit die Wertung möglichst objektiv ausfiel, wurde sie an drei Stationen von unterschiedlichen Wertungsteams vorgenommen.

Den Zuschauern bot sich ein majestätischer Anblick

Den Zuschauern bot sich ein majestätischer Anblick

Am Sonntag folgten zwei weitere, diesmal praktische Prüfungen. Früh um 8 Uhr ging der erste Teilnehmer auf die 15 Kilometer Streckenfahrt, bei der die Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h nicht unterschritten werden durfte.

Die Parkwege zu Beginn der Geländefahrt

Die Parkwege zu Beginn der Geländefahrt

Brücke im Schlosspark

Brücke im Schlosspark

Gestartet wurde in vierminütigem Abstand. Erschwerend für die ersten Teilnehmer gestaltete sich ein heftiges Gewitter unmittelbar über dem Kurs, mit sintflutartigen Niederschlägen, die die Besatzungen der offenen Fahrzeuge bis auf die Haut durchnässten.

Wetterkapriolen - Hans Biesenbach und Besatzung hinter dem Wasservorhang

Wetterkapriolen – Hans Biesenbach und Besatzung hinter dem Wasservorhang

Aber wir befanden uns ja bei einem Outdoor-Spektakel – also mussten alle Aktiven „da durch“. Nach gut 30 Minuten war zum Glück der Spuk beendet, und den Kutscheninsassen mit den höheren Startnummern blieb diese Tortur erspart.

Besondere Schwierigkeit - mit Tandemanspannung rückwärts durch das Hindernis

Besondere Schwierigkeit – mit Tandemanspannung rückwärts durch das Hindernis

Nicht geschenkt wurden ihnen die drei Sonderprüfungen, bei denen es auf die Geschicklichkeit der Fahrer ankam: z.B. das einhändige Durchfahren von Hindernissen mit engen Linkskurven. Als Zeichen für die Wertungsrichter sollte der rechte Arm dabei weit herausgestreckt werden.

Unter den Augen der Obrigkeit - bei Rot über die Kreuzung

Unter den Augen der Obrigkeit – bei Rot über die Kreuzung

Im Stadtgebiet von Celle galt die allgemeine Straßenverkehrsordnung übrigens nicht für die Rallye-Teilnehmer. Rote Ampeln durften überfahren werden, und bei engen Wegstrecken wurde der sonstige Verkehr durch aufmerksame Polizeiposten kurzerhand gestoppt.

Springbrunnen im Französischen Garten

Springbrunnen im Französischen Garten

Die finale Prüfung fand dann am Nachmittag ab 13 Uhr statt. Es galt, einen Parcours mit 18 Hindernissen in einer festgelegten Zeit fehlerfrei zurückzulegen.

Start beim Kegelfahren

Start beim Kegelfahren

Die Schikanen bestanden aus Kegeln, auf denen Bälle lagen. Dabei wurde die Breite der Hindernisse der am Vortag vermessenen Fahrzeugbreite angepasst.

Hier war die Breite des Gespanns und nicht des Wagens massgeblich für den Abstand der Hütchen

Hier war die Breite des Gespanns und nicht des Wagens massgeblich für den Abstand der Hütchen

Fiel ein Ball beim Durchfahren, gab es fünf Strafpunkte und bei Zeitüberschreitung nochmals einen Strafpunkt pro Sekunde. Dass die Zeitvorgaben sehr optimistisch waren, zeigten die ersten Ergebnisse: Erst der achte Teilnehmer konnte die Richtzeit unterbieten.

Mit großen Rädern durchs tiefe Geläuf - der Show-Buggy von 1883

Mit großen Rädern durchs tiefe Geläuf – der Show-Buggy von 1883

Aber auch bei dieser Prüfung kam es auf die Startnummer an. Denn der Boden war zu Beginn durch den Niederschlag am Vormittag sehr aufgeweicht, sodass die Räder deutlich mehr einsanken als bei den letzten Gefährten. Da die inzwischen strahlende Sonne den Boden jede Minute mehr austrocknete, wurden die gefahrenen Zeiten zunehmend schneller.

Hier sieht man deutlich die Dynamik des Sports - Dog Cart um 1860

Hier sieht man deutlich die Dynamik des Sports – Dog Cart um 1860

Der geneigte Leser des Blogs wird aufgrund der Fotos natürlich sofort wissen, über was für eine Art Veranstaltung wir heute berichten…

Das „CIAT“ in Celle ist ein „Internationales Turnier für traditionelle Anspannung“.

Vergleicht man es jedoch mit historischen Motorsport-Veranstaltungen wie den „Schloss Bensberg Classics“, so zeigen sich zahlreiche Parallelen: Bei der „Rallye Historique“ am ersten Tag geht es in Bensberg nicht nur darum, bestimmte Strecken mit einer vorgegebenen Durchschnittsgeschwindigkeit zurückzulegen, sondern auch darum, in einigen Sonderprüfungen – sogenannten „Gymkhana Wertungen“ – seine Geschicklichkeit als Fahrzeuglenker unter Beweis zu stellen. So gilt es z.B., das Fahrzeug genau mittig zwischen zwei Pylonen zu platzieren.

Vierspännige Mail Coach mit Spiegelbild

Vierspännige Mail Coach mit Spiegelbild

Fast schon ein Sportwagen - Tandem Dog Cart von 1920

Fast schon ein Sportwagen – Tandem Dog Cart von 1920

Am darauffolgenden Tag werden – ebenfalls in unterschiedlichen Kategorien – bei einem „Concours d’Élégance“ durch gestrenge Wertungsrichter die Originalität, die Qualität der Restaurierung und der Gesamtzustand des Wagens bewertet. Gut – die Rassen und Fähigkeiten der Pferde fließen auf Schloss Bensberg weniger mit in die Wertung ein, ebenso wenig ihr Geschirr oder die Garderobe des Fahrers… Aber das sind eher Marginalien.

Das Kleid passend zu den Rädern beim Siamesen Phaeton aus Polen

Das Kleid passend zu den Rädern beim Siamesen Phaeton aus Polen

Als Fazit bleibt, dass viele Kutschen aus einer Zeit stammen, in der die Kutsche – oder das Pferd – die einzigen Individual-Fortbewegungsmittel darstellten; dass die Qualität der Restauration ebenso wie die Originalität der Bestandteile die wichtigsten Bewertungskriterien beim Concours sind; dass es hier wie dort Rallyeprüfungen gibt, die auch Sonderprüfungen beinhalten.

Ein Hindernisparcours bleibt den Teilnehmern auf Schloss Bensberg allerdings erspart. Die Aktiven beim CIAT in Celle betreiben ihren Sport insgesamt mit der gleichen Intensität, dem gleichen Einsatz, der gleichen Ernsthaftigkeit wie die „Kollegen Automobilisten“. Für uns war es eine spannende und zugleich interessante Erfahrung vor der beeindruckenden Kulisse des Celler Schlosses und des „Niedersächsischen Landgestüts Celle“.

Siegerehrung vor der VIP-Lounge

Siegerehrung vor der VIP-Lounge

Wir danken Dr. Günzel Graf v.d. Schulenburg für die Gastfreundschaft und freuen uns auf 2016!