Artcurial, Barons, Bonhams, Coys, Dorotheum, Gooding, RM – bekannte Namen in der Auktionsszene, wenn es um klassische Automobile geht. Besondere Locations wie Amelia Island, Pebble Beach, Las Vegas, London, Ascot, Wien, Paris, Monaco und im Fokus der Sammler vielleicht auch Essen oder Stuttgart, wo – eingebunden in große Klassiker-Messen – „auktionistische“ Highlights stattfinden, bei denen nicht selten Rekordpreise für automobile Preziosen erzielt werden.

Und nun: AVUS AUCTIONS? Wer oder was ist das? Und Hamburg als anziehender neuer Schauplatz einer spektakulären Klassiker-Auktion?

Kommen wir zur ersten Frage. Ja, sie ist durchaus berechtigt. Avus Auctions operierte als Auktionshaus im Umfeld der klassischen Automobile bisher noch nicht und betritt somit Neuland. Das Team rund um Andreas Scholz bringt langjährige Erfahrungen im Projektmanagement, im Bereich Geld- und Sachanlagen, vor allem aber Begeisterung und Leidenschaft für klassische Automobile mit – einschließlich eines so wichtigen entsprechenden Netzwerks. Auktionator Thorsten Castle ist routiniert, seit 10 Jahren in der Branche, allerdings weniger im Automobilbereich. Dafür dürfen es gerne edle Renn-Pferdestärken in Baden-Baden sein… Und Alle haben den Mut, neue Projekte anzufassen – auch bei der Wahl des Schauplatzes.

Andreas Hensing interviewt Andreas Scholz

Andreas Hensing interviewt Andreas Scholz

Hamburg – unbestritten eine Weltstadt – ist in Bezug auf Versteigerungen klassischer Automobile bisher noch nicht international wahrnehmbar in Erscheinung getreten. Der Hanseat verfügt sicherlich über das nötige Kleingeld, stellt dies aber selten und äußerst ungern zur Schau. Zurückhaltung ist eher seine Stärke. Die zahlreichen bekannten Oldtimer-Händler in Zentrum und Umland der Hansestadt zeigen, dass das Interesse für das klassische Automobil auch hier durchaus ausgeprägt ist. Wobei der typisch hamburgische Sammler seine Preziosen eher im Verborgenen geheimer Tiefgaragen oder unauffälliger Lager aufbewahrt – hanseatisches Understatement eben…

Die Auktion kann beginnen

Die Auktion kann beginnen

Diese neue Oldtimerauktion in Hamburg ist also sicher mehr als einen Versuch wert, zumal für den Auftakt mit dem Altonaer Cruise Center ein durchaus attraktiver Standort gefunden wurde. Eine großzügige, hohe und lichte Halle mit voll verglaster Front direkt am Ufer der Elbe. Ab und an glitt sogar ein großer Frachter geräuschlos hinter dem Podium vorbei. Schade nur, dass aufgrund von Türbreiten sowie Raumgröße nicht alle Fahrzeuge im Innenraum präsentiert werden konnten!

Der Rolls Royce Phantom V passt leider nicht durch die Tür

Der Rolls Royce Phantom V passt leider nicht durch die Tür

Auch durften die Motoren nicht angelassen werden – so entging den anwesenden Oldtimer-Fans neben dem Ohren- so mancher, appetitanregender Augenschmaus. Denn selbst während der Versteigerung mussten Fahrzeuge wie der wunderschöne 67er Rolls Royce Phantom V Mulliner Park Ward leider draußen bleiben und konnten nicht – von starker, weiß behandschuhter Hand behutsam über den roten Teppich geschoben – an der Bieterschar vorbeidefilieren, Herz und Gefühle während der Gebote stimulieren..

Zu dieser Premiere eingefunden hatten sich etwa 200 potenzielle Käufer, um ihre Bieterschilder bei den passenden der insgesamt 62 Lose hochzuhalten. Rekordumsätze waren allerdings von vornherein nicht zu erwarten, denn dafür waren die angebotenen Fahrzeuge nicht prädestiniert. Der Zustand der Oldtimer war auf jeden Fall durch die Bank sehr ordentlich, die vom Sachverständigen vor Ort ermittelten Schätzpreise durchweg realistisch – von einigen Ausnahmen abgesehen. Los Nummer 15, ein makelloser 1936er Lagonda LG 45 Rapide mit einem Schätzpreis von 310 – 350.000 Euro war zweifelsohne der „Star“ der Veranstaltung.

Los Nummer 15 der Lagonda LG 45 Rapide wird in Position geschoben

Los Nummer 15 der Lagonda LG 45 Rapide wird in Position geschoben

Er stammte – ebenso wie drei weitere Exponate (Iso Rivolta Lele, Maserati Khamsin und eine wundervolle ice-blaue Corvette C1) von Steenbuck Automobile aus Lübberstedt in der Nordheide, südlich von Hamburg.

Rallye Legende Heidi Hetzer vor ihrem Opel Monza

Rallye Legende Heidi Hetzer vor ihrem Opel Monza

Prominentester Anbieter: Rallye-Legende Heidi Hetzer reiste persönlich mit einem ihrer Schätzchen aus Berlin an. Einem Opel Monza GS/E aus dem Jahr 1985, Los Nummer 36. Der Wagen war in seinem ganzen Autoleben nur einen  Tag angemeldet und sollte für die nachfolgende Generation des Opel Familienunternehmens aufgehoben werden. Zum dauerhaften Einsatz kam er jedoch bisher nicht und hat deshalb gerade einmal 2.400 Kilometer auf der Uhr – in gepflegtem Neuzustand.

Los Nummer 1 wird in "Pose" geschoben

Los Nummer 1 wird in „Pose“ geschoben

Um 13:45 Uhr wurde das mit Spannung erwartete erste Los aufgerufen: ein originaler, ungeschweißter, sehr gut erhaltener Benz 450 SLC 5,0 von 1979 aus zweiter Hand mit 107.500 gefahrenen Kilometern. Der Schätzpreis klang mit 33 bis 36 T€ recht optimistisch. Das Höchstgebot von 24 T€ entsprach in etwa der Motor-Klassik-Preistabelle, doch der Wagen wurde vom Auktionator aus der Versteigerung genommen.

Los Nummer 2 - Volvo P 1800 ES "Schneewittchensarg"

Los Nummer 2 – Volvo P 1800 ES „Schneewittchensarg“

Ebenso erging es dem 2. Los, einem Volvo P 1800 ES, Baujahr 1972, dessen Schätzpreis bei 24 bis 27 T€ sehr realistisch eingestuft war. Das abgegebene Höchstgebot von 21 T€ lag jedoch leider ebenfalls unter dem Mindestpreis des Einlieferers.

Das erste versteigerte Los - Austin Healey 3000 MK 1

Das erste versteigerte Los – Austin Healey 3000 MK 1

Das 3. Los: ein 1960er Austin Healey 3000 MK 1, weiß, blaues Leder – abgesetzt mit weißem Keder. Eine ältere Restauration, die 2011 aus den USA überführt wurde und sich in gutem Zustand befindet. Der Schätzpreis zwischen 37 und 43 T€ war eher günstig angesetzt. Entsprechend groß gestaltete sich das Interesse. Und der Hammer des Auktionators durfte bei einem Gebot von 36 T€ (zuzüglich 10% Aufgeld) erstmals fallen: Zuschlag für einen Hamburger Sammler, der sich in der ersten Reihe direkt neben uns sichtlich über sein „Schnäppchen“ freute.

Der neue Besitzer - Der Bieter mit der Bieternummer 198

Der neue Besitzer – Der Bieter mit der Bieternummer 198

Leider ging es so nicht weiter. Erst das sechste Los, ein früher Ferrari 365 GTC 4 von 1971, einst als 6. Fahrzeug seiner Serie produziert, fand wieder einen Käufer, dessen Gebot mit 120 T€ zwar unter dem Schätzpreis von  130 – 150 T€ lag, aber immerhin den vorgegebenen Anbieter-Mindestpreis erreichte.

Das zweite versteigerte Los - der Ferrari 365 GTC 4

Das zweite versteigerte Los – der Ferrari 365 GTC 4

Wenn ein Höchstgebot den unteren Schätzpreis übertraf, hieß das leider noch lange nicht, dass der Auktionator den Hammer fallenlassen durfte.

Zum Dritten - der Hammer fällt

Zum Dritten – der Hammer fällt

So geschehen beim stärksten Wagen der Auktion, einem vollrestaurierten 69er Camaro SS mit Chevy Big Block und 575 PS, den der Auktionator mit den Worten: „Er ist ein kleines, bissiges Vieh, das Mustangs frisst“ anpries. Schätzpreis ab 75 T€, Höchstgebot 78 T€. Trotzdem erfolgte bei den Worten „… zum Dritten…“ nicht der erwartete Hammerschlag.

Chevy Big Block mit 575 PS

Chevy Big Block mit 575 PS

Bei etlichen Besuchern  machte sich langsam das Gefühl breit, dass der scheinbare Lieblingssatz des Auktionators als wichtigste Erinnerung nachklingen sollte: „Dafür geht es leider nicht …“, wenn er wieder einmal einen Oldtimer aus der Auktion zurückzog.

Einen Zuschlag bekamen – sehr zum Leidwesen des Veranstalters – überhaupt nur noch drei weitere Fahrzeuge:

Auch bei ihm fiel der Hammer - der 51er Jaguar XK 120

Auch bei ihm fiel der Hammer – der 51er Jaguar XK 120

Los Nummer 14, ein 51er Jaguar XK 120, der 57 Jahre in einer Hand verbrachte und anschließend bei Jaguar Bassets eine Komplettrestaurierung erfuhr. Er lag mit einem Höchstgebot von 100 T€ zwar 15 T€ unter dem unteren Schätzpreis, erhielt aber ebenso „den Hammerschlag“ wie Los Nr. 16, ein Rolls Royce Corniche I Convertible, der für 30 T€ den Besitzer wechselte – diesmal  deutlich unter Schätzpreis (45 – 50 T€).

Auch versteigert - der Rolls Royce Corniche I Convertible

Auch versteigert – der Rolls Royce Corniche I Convertible

Der letzte Wagen schließlich, der an diesem Tag für sehr günstige 19 T€ einen Käufer fand, war Los Nummer 21: ein 2011 top restaurierter Triumph TR 4. Anschließend hieß es in der Statistik nur noch „not sold“.

Bereits zur Hälfte der Veranstaltung nahm leider das Interesse der Bieter deutlich ab. Nur noch vereinzelte Gebote kamen live via Internet und der Saal lehrte sich zusehends. Etwa 20 Bieter harrten tapfer bis zum Ende der Veranstaltung aus – und natürlich Auktionator Thorsten Castle. Die zunehmende Frustration angesichts der nun größtenteils unbesetzten Stuhlreihen war allen Beteiligten mehr oder weniger an den Gesichtern abzulesen. Nicht nur den fleißigen, autoschiebenden Helfern, sondern zuallererst den Anbietern, die ihre Schätzchen wieder einpacken und mit nach Hause nehmen mussten. Lediglich Heidi Hetzer hatte uns vorher erzählt, dass sie „ihren Kleinen“ auch gern wieder mit nach Hause nehmen würde, so das Schicksal es denn wollte…

Los Nr. 47 Rolls Royce Silver Cloud I - Umbau als Mulliner Cabriolet

Los Nr. 47 Rolls Royce Silver Cloud I – Umbau als Mulliner Cabriolet

Ein Fazit fällt nicht leicht. Viele Bieter waren enttäuscht, weil sie trotz ihres Höchstgebotes keinen Zuschlag erhielten – „No Reserve-Lose“ waren die Ausnahme, die „Einreicher“ wurden ihre Fahrzeuge nicht los. Rekord-Erlöse wurden nicht erzielt, waren ja ohnehin nicht eingeplant.

Offensichtlich sprang der Funke zwischen Auktionator und Bietern nicht über. Thorsten Castle war leider anzumerken, dass er nicht aus der Oldtimerszene kommt. Z.B. fehlten für die Kaufinteressenten u.a. neben der sachkundigen Vorstellung der Autos – verknüpft mit kleinen emotionalen Geschichten – Vergleiche mit Geboten aus anderen Versteigerungen, sodass den Bietern nicht immer klar wurde, welche Schnäppchen ihnen möglicherweise entgehen könnten. Eine kleine Pause mit ein wenig Ablenkung und Stärkung hätte allen Anwesenden sicher auch gut getan – der erste Käufer neben uns ließ jedenfalls zwischendurch immer mal wieder eine Bemerkung fallen, was seiner Ansicht und Erfahrung nach diese Veranstaltung sehr bereichert hätte… Möglicherweise hatten darüber hinaus einige Anbieter eine unrealistische Vorstellung vom zu erreichenden Mindestpreis. Vielleicht spielte auch die noch nicht routinierte Öffentlichkeitsarbeit eine Rolle – unerlässlich, wenn es darum geht, die richtigen Bieter zusammenzutrommeln. Und es fehlt natürlich noch das Wichtigste: die Reputation – der gute Ruf in der Branche, den jeder Veranstalter sich erst mühsam erarbeiten muss.

Überzeugt bin ich jedoch davon, dass Hamburg auf jeden Fall über das Potenzial für eine erfolgreiche Versteigerung verfügt und freue mich auf die nächste Oldtimer-Auktion in der „schönsten Stadt der Welt“…