938 Kilometer in Memorial Rudolf Caracciola. Zwei Gründe zum Feiern hatte Kassel Ende Juni: zum einen die Anerkennung des Bergparks Wilhelmshöhe als Weltkulturerbe durch die UNESCO und zum anderen eine neue Oldtimer Rallye auf dem Terminkalender, deren Start- und Zielpunkt in der Nordhessen-Metropole liegt. 938 Kilometer in drei Etappen über Eisenach nach Dresden und zurück. Fahren pur durch die schönsten Landschaften Hessens, Thüringens, und Sachsens, gespickt mit 22 Wertungsprüfungen, die den 80 Teams alles abverlangten.

 

Veranstalter Eddi Neitzke weist persönlich den Weg. Im Hintergrund einer von 3 Ferrari, die den Organisatoren von der Firma Eberlein zur Verfügung gestellt wurden

Hagen Kruse und Eduard Neitzke haben es sich in den Kopf gesetzt: Sie möchten mit dem Grand Prix in Memorial Rudolf Caracciola eine Oldtimer Rallye dauerhaft im deutschen Klassik-Rallyekalender etablieren, die etwas anders ist. Entstehen sollte eine wirkliche Team-Rallye, bei der die perfekte Harmonie innerhalb des Teams den Ausschlag gibt und die Wertung einheitlich erfolgt: keine „Sanduhrklassen“, keine Aufteilung in unterschiedliche Altersklassen der teilnehmenden Fahrzeuge. Das Baujahr geht in Form eines „Baujahresfaktors“ in die Wertung ein (z.B. Multiplikation der Strafpunkte mit dem Faktor 1,34 für ein Fahrzeug des Baujahrs 1934). Ferner wurde den Teilnehmern eine einheitliche Stoppuhr, ein „Hanhart Rallye Timer“, angeboten, der auf die Wertungsprüfungen mit bis zu drei aufeinanderfolgenden Messstrecken abgestimmt war. Eine Rallye in ihrer ursprünglichen Form sollte es werden – ohne Schätzung von Kirchturmhöhen oder sonstigen Fragen, die sich im Zweifel durch „Google“ klären lassen und natürlich gewidmet dem erfolgreichsten Deutschen Rennfahrer aller Zeiten.

„Tribute to Morgan“:

Ein Vorbild war die Targa Florio – allerdings ohne deren Historie. Was dort als „Tribute to Ferrari“ möglich ist, nämlich die Teilnahme auch neuer Fahrzeuge an einer Oldtimer-Veranstaltung, sollte hier für die altehrwürdige Sportwagenmarke Morgan gelten. Nur dass ein Automobil wie der Morgan harmonischer in ein solches Teilnehmerfeld passt, denn er ist der einzige Neuwagen auf dem Markt mit echtem Klassiker-Image – und bei wohlwollender Betrachtung ist der klassische Morgan ohnehin ein Vorkriegsfahrzeug. Schließlich basiert seine Konstruktion auf der des ersten vierrädrigen Morgan 4/4 aus dem Jahre 1936. Und die Karosserieänderung im Jahre 1954, in der die Scheinwerfer in die Karosserie integriert wurden und er die wunderbar geschwungenen Kotflügel bekam, könnte glatt als „Facelift“ durchgehen. Auch die Trittbretter deuten eher auf ein Vorkriegsfahrzeug – wie den Jaguar SS – als auf Klassiker, die damals als modern angesehen wurden, wie die Corvette C1. Und bei einem Besuch in der Morgan Manufaktur in der Pickersleigh Road in Malvern Link erinnert auch im Jahr 2013  nichts, aber auch gar nichts an moderne Fertigungsmethoden.

Team Wilke / Prior mit einem Morgan 4/4 Sport, Bj. 2010

Neben dem „Media-Morgan“ der Autoren/Photographen nahmen noch vier weitere Morgan an der Veranstaltung teil. Darunter ein seltener Morgan Plus 8 Le Mans 62er-Edition aus dem Jahr 2002, der anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des ersten – und bislang einzigen – Sieges eines Morgan bei den 24-Stunden von Le Mans in streng limitierter Stückzahl neu aufgelegt wurde. Den diesjährigen Doppelerfolg des OAK Morgan Nissan in der LMP2-Klasse wollen wir dabei nicht betrachten.

Fotos Rallye 1

Exklusives Teilnehmerfeld:

Mit Fug und Recht konnte das Teilnehmerfeld als absolut hochklassig bezeichnet werden: Der älteste Wagen im Starterfeld war ein Rally Cyclecar AZ aus dem Jahre 1924. Zu den ca. 25 Vorkriegsfahrzeugen gehörten auch Mercedes SS Rennsport, Mercedes SSK (der legendäre „weiße Elephant“), Alfa Romeo 6 C, Aston Martin MK II, Singer Le Mans, Horch, zwei Lagondas und ein Bugatti T 51 Grand Prix. Die Nachkriegs-Ära war z.B. vertreten durch einen BMW 327, einen Jaguar 2,5 Saloon, den sehr seltenen Enzmann Porsche 506 Spyder sowie zahlreiche Alfa, Jaguar, Ferrari, Aston Martin, Maserati, Lancia, Mercedes und… und… und… Mit dieser ersten Auflage eines Grand Prix in Memorial Rudolf Caracciola gelang den Veranstaltern etwas für eine Premiere durchaus Besonderes: ein wirklich illustres Starterfeld zu gewinnen, das sich mit anderen, bereits etablierten Oldtimer Grand Prix, durchaus messen kann.

Ein Fiat 850 Competizione taucht formatfüllend im Rückspiegel auf

Teilnehmer aus 8 Ländern bildeten die Teams. Mit dabei auch die Berliner „Rallye-Legende und Urgestein“ Heidi Hetzer mit der Startnummer 4. Heidi nahm schon an zahlreichen Rallyes teil – wie der Mille Miglia, den Rallyes Monte Carlo, Paris-Berlin, Panama-Alaska und Düsseldorf-Shanghai. Bei der Carrera Panamericana und der Tour d‘Europe 1989 belegte sie jeweils den dritten Platz. Dass Sie überhaupt mitfahren konnte, grenzt schon an ein kleines Wunder. Gemeldet hatte sie nämlich einen Invicta LC 135 aus dem Jahre 1928. Der fiel wegen technischer Mängel im Vorfeld aus. Ihr Hispano Suiza war als kurzfristiger Ersatz ebenso nicht einsatzbereit, sodass sie letztlich auf eine feuerrote Corvette C1 zurück- und ab dem 2. Tag ins Geschehen eingriff.

Streckenkarte 24 cm

Streckenführung:

Die Streckenführung war kundig und wohl überlegt ausgewählt. Einsame ländliche Straßen wechselten sich mit Passagen durch malerische Ortschaften ab, die von zahlreichen begeisterten Zuschauern gesäumt wurden. Fähnchen wurden geschwenkt und regionale Spezialitäten an Fahrer und Beifahrer verteilt. Von Kassel ging es vorbei an der romantischen Burg Hanstein, über Wanfried nach Eisenach. Am 2. Tag standen Erfurt und Zwickau auf dem Programm – die Etappen spannungsreich unterbrochen durch Wertungsprüfungen auf zwei Rennstrecken, dem Schleizer Dreieck und dem Sachsenring. Während auf der temporären Rennstrecke „Schleizer Dreieck“ Teile des Kurses auch durch andere Verkehrsteilnehmer rekrutiert wurden, was die Zeitenmessungen der Sonderprüfung nicht gerade erleichterte und den Fahrspaß erheblich beeinträchtigte, gab es auf dem Sachsenring „Rennfeeling pur“ für die Teilnehmer – wenngleich ihre Aufgabe natürlich darin bestand, in den gezeiteten Runden möglichst nahe an der selbstbestimmten Referenzzeit zu liegen. Je nach Temperament und sportlichen Ambitionen der Piloten wurde die Referenzzeit deutlich schneller oder langsamer bestimmt.

Tunnelblick-Team-Finkemeier-Finkemeier-im-ältesten-Wagen-des-Feldes-einem-Rally-Cyclecar-AZ-Bj.-1924

Auf dem Rückweg von Dresden nach Kassel, der mit 420 Kilometer längsten Etappe, führte die Route über Nossen und das idyllische Städtchen Freyburg an der Unstrut zunächst für eine Wertungsprüfung nach Kölleda, ins Motorenwerk der MDC Power GmbH, wo überwiegend Motoren für unterschiedliche Mercedes-Modelle produziert werden. Wie bereits zum aufwändig organisierten Start im Kasseler Zentrum – u.a. mit Umlegung der Straßenbahn-Linien –  oder beim gut besuchten Altstadtfest in Freiberg, wurden auch hier zur letzten Sonderprüfung auf dem Rückweg durch eine große Festveranstaltung viele Hundert Zuschauer angelockt.

Zurück in Kassel, übernahm eine Abordnung der Verkehrspolizei erneut die Verantwortung und lotste, verstärkt durch eine Motorrad-Eskorte, den Konvoi mit Blaulicht zum Ziel, der Orangerie. Strahlend blauer Himmel, das Hessische Fernsehen und zahlreiche Zaungäste bildeten die würdige Kulisse für die glückliche Einzel-Zieldurchfahrt der Teilnehmer – mit Ankündigung durch den bekannten Motorsportmoderator Thomas Soeth, Preisverleihung und Ehrung der siegreichen Teams mit ihren automobilen Kostbarkeiten durch Hessens Kultusministerin Frau Eva Kühne Hörmann – ein gelungenes Finale!

Die-Sieger-Startnummer-31Team-Stegemann-Stegemann-mit-ihrem-Alfa-Romeo-Giulia-Sprint

Nach 3 Etappen, 938 Kilometern, 22 gewerteten Prüfungen sowie Multiplikation der Strafpunkte mit dem Baujahresfaktor, hieß das mit 810 Punkten strahlende Siegerteam: Stegemann-Stegemann, Startnummer 31 im Alfa Romeo Giulia Sprint. Wird bei der Betrachtung der Baujahresfaktor nicht berücksichtigt, bedeutet das Ergebnis: im Durchschnitt 22,73 Strafpunkte pro Wertungsprüfung – oder 0,2273 Sekunden Abweichung von der Sollzeit!

Ergebnis