Aussenansicht Automuseum Prototyp

Aussenansicht Automuseum Prototyp

356 VIP – Very Important Porsches ist der Titel der aktuellen Sonderausstellung, die bis zum 27. März 2016 im Automuseum Prototyp in Hamburgs Hafencity zu bestaunen ist. Das Museum selbst haben wir bereits im letzten Jahr in einem eigenen Blog-Beitrag gewürdigt: http://classic-cars-news.de/klassiker-der-speicherstadtdas-automuseum-prototyp/.

 

Die stilvollen Räumlichkeiten sind wie geschaffen für die Präsentation

Die stilvollen Räumlichkeiten sind wie geschaffen für die Präsentation

Seitdem hat es nichts von seiner Faszination eingebüßt und lockt alljährlich mehr als 50.000 Besucher an. Bei unserem letzten Beitrag über die Wallfahrtstätte aller Porsche-Fans, Liebhaber, Freunde, Enthusiasten… lief gerade die Sonderausstellung „50 Jahre 911“.

Der Autor im Interview mit Thomas König

Der Autor im Interview mit Thomas König

Es ist schon erstaunlich, dass dies innerhalb der nunmehr acht Jahre, die das Museum unsere Kulturlandschaft so überaus eindrucksvoll bereichert, die erste Sonderausstellung zum Thema Porsche 356 ist. Aber wie stets kommt es darauf an, die richtigen Preziosen zusammenzutrommeln. Von befreundeten Sammlern und vom werkseigenen Porsche Museum, das eine Sonderausstellung dieser Couleur bislang auch noch nicht auf die Beine gestellt hatte.

Reichlich Besucher am ersten Ausstellungstag

Reichlich Besucher am ersten Ausstellungstag

Dem Betrachter hilft bei der Würdigung sicher, wenn er eine gewisse Affinität zu Porsche verspürt… Doch die Exponate zeigen tatsächlich die gesamte Entwicklung des Porsche 356 und damit auch die Entstehungsgeschichte von Porsche als eigenständigem Sportwagenproduzenten.

Insofern macht das gleichermaßen liebevoll wie professionell realisierte Konzept Sinn, die Gliederung der Ausstellung im sogenannten „Schaudepot“ des Museums nach den Entwicklungsepochen zu strukturieren.

1947 – 1949

Die besondere Geschichte des Porsche 356 beginnt 1947. Auch wenn die Wiege des Unternehmens im 1931 gegründeten Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche zu finden war. Davor erdachten die Ingenieure unter anderem den KdF-Wagen, aus dem der Käfer entstand, und nach dessen Plänen auch der in Insiderkreisen berühmte Berlin Rom Wagen gebaut wurde. Aber auch für Zündapp, Auto Union und Wanderer wurde kräftig entwickelt.

Porsche Typ 64 Berlin-Rom-Wagen

Porsche Typ 64 Berlin-Rom-Wagen

Der erste Porsche 356 wurde ursprünglich als „VW-Sportwagen“ konstruiert und im österreichischen Gmünd produziert. Dementsprechend bestand er aus zahlreichen Teilen von VW: Getriebe, Achsen, Rädern, Bremsen, Lenkung und auch der Basis für den Motor, der allerdings mit zunächst 35 PS leistungsstärker ausfiel als die ersten Nachkriegs-Käfer. Die Karosserie des Prototyps „356-001“ wurde aus Aluminium geformt. Zu sehen ist das älteste noch existierende Porsche Serienfahrzeug der Welt, das Porsche 356/2-003 Beutler-Cabriolet.

Das älteste noch existierende Porsche Serienfahrzeug

Das älteste noch existierende Porsche Serienfahrzeug

Reduzierung auf das Wesentliche - Armaturen des Beutler Cabriolet

Reduzierung auf das Wesentliche – Armaturen des Beutler Cabriolet

Die Karosserie der ersten sechs Fahrzeuge stammt von der Firma Beutler, die den Entwurf des Porsche-Designers Erwin Komenda ein wenig verfremdete.

In diese Epoche gehört auch das ausgestellte Porsche 356/2-021 Gmünd Coupé – eines der ersten Serien-Coupés überhaupt.

Als er noch rot war wurde er auf die Hörner genommen - hier die Originalfarbe

Als er noch rot war wurde er auf die Hörner genommen – hier die Originalfarbe

Um dieses Coupé mit der ursprünglich hellasphaltfarbenen Originallackierung rankt sich eine sehr skurrile Geschichte: Der Besitzer hatte einen Unfall mit einem Motorradfahrer. Seine Frau kritisierte daraufhin, dass der Wagen so niedrig und unauffällig sei. Sie schlug vor, ihm eine andere Karosseriefarbe zu verpassen, damit er besser gesehen würde. Also wurde er recht farbenfroh in einem leuchtenden hellen Rotton neu lackiert. An dem Tag, als der Wagen nach der Reparatur durch einen Werksfahrer gerade wieder überführt wurde, trieb ein Bauer just seine Rinderherde in den Stall. Ein angriffslustiger Stier fühlte sich durch das kräftige Rot provoziert und nahm den Wagen im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Hörner“. Nach diesem erneuten Zwischenfall musste das Unglücksfahrzeug erstmal wieder zurück in die Werkstatt – und wurde schwarz lackiert…

Die Lieblingsmotive der Fotografin - Spiegelungen

Die Lieblingsmotive der Fotografin – Spiegelungen

Der letzte Porsche aus den 40er Jahren, das Porsche 356/2 Keibl-Cabriolet mit der Nummer 025 wurde durch den Wiener Karosseriebetrieb Keibl eingekleidet und an den ersten österreichischen Kunden ausgeliefert.

Kommt ohne A-Säule aus - das Keibl Cabriolet

Kommt ohne A-Säule aus – das Keibl Cabriolet

Auffällig ist hier der komplette Verzicht auf eine A-Säule, um einen störungsfreien Rundumblick zu ermöglichen. Die Frontscheibe wird durch eine filigrane, verchromte Mittelstrebe gehalten.

1950 – 1952

In diesen beiden Jahren beginnt Porsche, in Stuttgart-Zuffenhausen zu produzieren. Dafür nutzt das Unternehmen u.a. das benachbarte Karosseriewerk Reutter & Co., denn die Karosserien bestehen jetzt aus Stahlblech.

Wird gerade restauriert - das Reutter-Coupé

Wird gerade restauriert – das Reutter-Coupé

Aus dieser Zeit zeigt die Ausstellung das weltweit älteste, noch existierende Coupé aus deutscher Produktion, das 1950er Porsche 356-5006 Reutter-Coupé, dessen etwas rundlichere Linienführung den so typischen Porsche-Look manifestierte.

Auch andere Karosseriefirmen produzierten in dieser Zeit für Porsche. So die Firma Gläser in der Oberpfalz, die 243 Porsche 356 baute. Von diesen Wagen sind noch ca. 20 Stück erhalten, darunter das blaue 356er Gläser Cabriolet aus dem Jahr 1951.

Machte auch innen einen glänzenden Eindruck - das Gläser Cabriolet

Macht auch innen einen glänzenden Eindruck – das Gläser Cabriolet

Kurz danach musste Gläser allerdings Konkurs anmelden, was auch dem Umstand geschuldet war, dass die Oberpfälzer 20% länger als die Zuffenhausener brauchten, um einen Porsche zu bauen. Damit war die Fertigung nicht mehr wirtschaftlich.

Der America Roadster wird gerade restauriert

Der America Roadster wird gerade restauriert

Ein wichtiger Absatzmarkt für Porsche sollten fortan die USA werden. Deshalb wurde ein spezieller, sehr leichter und sportlicher „America-Roadster“ konzipiert – Vorläufer des Speedster, der auf Betreiben des einflussreichen New Yorker Auto-Importeur Max Hoffman entstand. Er initiierte übrigens auch die Mercedes 190 SL und 300 SL. Hoffman wollte einen preiswerten, leichten und renntauglichen Porsche-Sportwagen. Das ausgestellte Exponat befindet sich gerade mitten in der Restaurierung. Durch die Gewichtsreduzierung auf 605 Kilo, die Vergrößerung des Hubraums auf 1,5 Liter mit 70 PS, läuft er immerhin 180 km/h Spitze. Ziel erreicht. Für Porsche hat sich die Zusammenarbeit mit Max Hoffman auf alle Fälle gelohnt, denn er vertrieb damals in den USA ein Drittel der gesamten 356er Produktion.

1953 – 1958

Luxus pur für den US-Markt

Luxus pur für den US-Markt

Die stärkere Maschine wurde auch in die 1953er High-End-Version für den US-Markt eingepflanzt, das Porsche 356 1500 S USA De Luxe Cabriolet. Für Porsche-Maßstäbe enthielt dieser Wagen Luxus pur: Radio, Scheibenwaschanlage und dicke Leder-Fauteuils.

Auch von innen - US-Luxus pur

Auch von innen – US-Luxus pur

Macht seinem Namen alle Ehre - der Carrera GT Speedster

Macht seinem Namen alle Ehre – der Carrera GT Speedster

1954 löste der Speedster in den USA den America Roadster ab. Der 1,5 Liter Motor leistete nun 110 PS, was für eine Höchstgeschwindigkeit von glatten 200 reichte. Dieser Motor ist der berühmte Königswellen-Motor, der nach seinem Konstrukteur auch „Fuhrmann-Motor“ genannt wird. Der ausgestellte 57er Carrera GT Speedster ist einer von nur 27 speziell für den Sporteinsatz gebauten Boliden.

1959 – 1965

Die Porsche werden immer schneller und auch bei Rallyes und Rennen zunehmend erfolgreicher. Als einer der absoluten Supersportwagen ist der 1960er Porsche 356 B 1600 Carrera GTL Abarth zu sehen.

Der Über-356 und Schrecken auf der Rennstrecke - der Abarth

Der Über-356 und Schrecken auf der Rennstrecke – der Abarth

Franco Scaglione entwarf die strömungsgünstige Außenhaut, die Turiner Rennwagenschmiede Abarth baute den Wagen. Der auf 1,6 Liter aufgebohrte Fuhrmann Heck-Motor, der immerhin 135 PS leistete, sorgte für Furore. Spitze: 235 km/h. Resultat: einer der erfolgreichsten GT-Sportwagen seiner Zeit mit Klassensiegen bei den 24 Stunden von Le Mans und auf zahlreichen anderen Rennstrecken. Dreimal in Folge gewann dieser Wagen die GT-Weltmeisterschaft! Gebaut wurden insgesamt 21 Renner dieses Typs, von denen jedoch nur eine Handvoll den Rennbetrieb überlebten.

Aus dieser Perspektive wirkt er sehr harmonisch - der Porsche Dreikantschaber

Aus dieser Perspektive wirkt er sehr harmonisch – der Porsche Dreikantschaber

Mit 2 Litern Hubraum und 155 PS Leistung ist direkt daneben ein noch deutlich auffälligeres Exemplar eines Porsche GT-Rennwagens zu sehen: der 1963er Porsche 356 B 2000 GS-GT, ob seiner sehr eigenwilligen Form auch „Dreikantschaber“ genannt.

Der Dreikantschaber von schräg hinten

Der Dreikantschaber von schräg hinten

1963 entstanden in der Reutlinger Firma Wendler zwei dieser Leichtbau-Rennsport-Coupés. Auch wenn er nicht ganz so erfolgreich war wie der Abarth, so ist er doch ein in der Porsche-Historie sehr bedeutsamer Wagen. Er beendet die Ära der Porsche 356-Rennwagen mit Aluminium-Karosserie.

Das Ende der 356er Evolution - der Porsche Carrera 2

Das Ende der 356er Evolution – der Porsche Carrera 2

Verlassen wir wieder die Rennstrecke. Das finale Spitzenmodell der 356er Baureihe markiert der 1964er Porsche 356 C 200 GS Carrera 2. Eigentlich waren nur 100 Exemplare geplant, um den Carrera 2 (steht für 2 Liter Hubraum) für die GT Rennserie zu homologieren.

Auch von hinten sehenswert - 2-Liter-Fuhrmann Motor und Zentralendrohr

Auch von hinten sehenswert – 2-Liter-Fuhrmann Motor und Zentralendrohr

Der 2-Liter verkaufte sich aber prächtig, und so entstanden insgesamt mehr als 400 dieser Autos. Und damit der erste vollausgestattete Straßen-Porsche, der die stammtischrelevante Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in unter 10 Sekunden absolvierte.

Bald kamen auch die Ordnungshüter auf die Idee, für die Autobahnpolizei 356er Porsche einzusetzen. Weshalb sollte man sich auf lange, unerquickliche Verfolgungsjagden einlassen, wenn man einen flüchtigen „Straßenraudi“ oder Verbrecher doch mit beinahe 200 km/h Endgeschwindigkeit auch problemlos einholen konnte?

Schrecken der Räuber auf der Autobahn - der Polizei Porsche 356

Schrecken der Räuber auf der Autobahn – der Polizei Porsche 356

So entstand das 1964er Porsche 356 C 1600 SC Polizei-Cabriolet. Übrigens wurden bei Einstellung der Produktion die letzten zehn 356er an die niederländische Polizei ausgeliefert.

Wer möchte da nicht Polizist sein

Wer möchte da nicht Polizist sein

Wer jetzt als Besucher – wie wir – mit aufmerksamem Blick die Sonderausstellung durchschritten hat, ist um ein gutes Stück Wissen zur deutschen Automobilhistorie reicher. Denn schließlich gehört der Porsche 356 zu den wichtigsten deutschen Nachkriegsautos. Mit ihm wurde der Ruhm der Marke Porsche begründet und er selbst zu einem Meilenstein der deutschen Automobilgeschichte.

Zum Niederknien schön die Ausstellung

Zum Niederknien schön die Ausstellung

Nähere Informationen zur Sonderschau unter: http://www.prototyp-hamburg.de/new/frame.php?page=251&lang=1&id=2716&from=0